Italien ist gleichzeitig Auswanderungs- und Einwanderungsland, und beide Bewegungen haben zuletzt Rekordwerte erreicht. Das ist der eigentlich überraschende Befund der jüngsten Erhebungen des nationalen Statistikinstituts ISTAT: Die Bilanz bleibt positiv, aber die Struktur dahinter verschiebt sich deutlich.

2024 verließen rund 191.000 Menschen Italien, der höchste Wert seit Beginn des Jahrtausends, ein Anstieg von etwa 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Davon waren rund 156.000 italienische Staatsbürger, ein Plus von 36,5 Prozent. Zum Vergleich: 2022 waren es 99.000, 2023 rund 114.000. Die Kurve zeigt steil nach oben, und sie wird fast ausschließlich von Italienern getragen, nicht von weiterziehenden Zuwanderern.

Wohin die Italiener gehen

Die Zielländer sind europäisch und liegen dicht beieinander. Nach den ISTAT-Daten führt Deutschland mit rund 12,8 Prozent der Fortzüge, gefolgt von Spanien mit 12,1 Prozent und Großbritannien mit 11,9 Prozent. Es geht also nicht um Fernziele, sondern um Arbeitsmärkte in erreichbarer Nähe mit höheren Einstiegsgehältern.

Auffällig ist die Zusammensetzung: Der Strom besteht überwiegend aus jungen Menschen, und der Anteil der Hochschulabsolventen steigt. Für ein Land mit sinkender Geburtenzahl und alternder Bevölkerung ist das die teuerste Form des Verlusts, weil Ausbildungsinvestitionen abfließen, bevor sie sich amortisieren. Die gleiche Mechanik kennt Deutschland von der eigenen Abwanderung von Fachkräften.

Die zweite Bewegung: Italiener, die im Ausland geboren wurden

Ein Teilbefund wird in der öffentlichen Debatte fast immer übersehen. Zwischen 2023 und 2024 wanderten rund 87.000 im Ausland geborene italienische Staatsbürger aus, etwa ein Drittel aller Fortzüge von Italienern. Drei von zehn davon wurden in Brasilien geboren, 18,5 Prozent in Argentinien, 5,5 Prozent in Marokko.

Diese Gruppe zieht überwiegend weiter oder zurück: Brasilien ist mit rund 15.000 Personen das häufigste Ziel, danach folgen Großbritannien mit 11.000 und Spanien mit 9.000. Dahinter steht die späte Wirkung der italienischen Massenauswanderung nach Südamerika: Nachkommen erwarben über das Abstammungsprinzip die italienische Staatsbürgerschaft, kamen nach Europa und ziehen von dort weiter. Italien ist für sie Durchgangsstation, nicht Endziel.

Zuwanderung auf Höchststand

Auf der anderen Seite der Bilanz steht ein deutliches Plus. Die Zuwanderung ausländischer Staatsbürger legte im Zweijahreszeitraum um rund 13 Prozent gegenüber 2022 zu, während die Rückkehr von Italienern aus dem Ausland um 23,6 Prozent einbrach. Der positive Wanderungssaldo Italiens beruht damit vollständig auf ausländischer Zuwanderung, nicht mehr auf Heimkehrern.

Parallel dazu steigen die Einbürgerungen. 2024 erhielten rund 217.000 in Italien lebende Ausländer die Staatsbürgerschaft, ein neuer Höchstwert nach 214.000 im Jahr 2023. Die größten Gruppen stammen aus Albanien, Marokko und Rumänien. Die vollständigen Auswertungen veröffentlicht ISTAT im Bericht zu den Binnen- und Auslandswanderungen.

Was Italien dagegen unternimmt

Die Politik reagiert vor allem steuerlich. Italien hat über Jahre ein ganzes Bündel von Anreizen aufgebaut, um Rückkehrer, ausländische Fachkräfte und vermögende Zuzügler anzuziehen: die Pauschalbesteuerung für Neuansässige, Sonderregeln für Rentner in bestimmten Regionen des Südens und Vergünstigungen für zuziehende Arbeitnehmer. Welche Modelle es gibt, wer sie nutzen kann und welche Fristen gelten, haben wir im Länderprofil zu Italien zusammengestellt; die reinen Steuersätze findest du auf steueratlas.info.

Die Wirkung dieser Programme ist begrenzt, weil sie an der Ursache vorbeizielen. Junge Italiener gehen nicht wegen der Steuerlast, sondern wegen niedriger Einstiegsgehälter, befristeter Verträge und langsamer Aufstiegswege. Solange sich daran nichts ändert, bleibt jede Steuervergünstigung ein Angebot an Zuzügler von außen, nicht an die eigenen Absolventen.

Für Zuzügler aus Deutschland sind genau diese Regeln aber der praktische Hebel. Wer aus dem Ausland zuzieht und die Ansässigkeit sauber begründet, kann je nach Konstellation von einer Pauschalbesteuerung ausländischer Einkünfte, von einer stark ermäßigten Besteuerung ausländischer Renten in ausgewählten Gemeinden Süditaliens oder von Abschlägen auf Arbeitseinkommen profitieren. Alle diese Regime setzen voraus, dass du in den Jahren vor dem Zuzug nicht in Italien steuerlich ansässig warst, und alle sind zeitlich befristet. Wer sie nutzen will, muss den Wegzug aus Deutschland und den Zuzug nach Italien im selben Plan denken, sonst verfällt der Vorteil an einer Formalie.

Zuwanderungsrecht und Arbeitsmarkt

Für Drittstaatsangehörige ist der Zugang zum italienischen Arbeitsmarkt über Quoten geregelt, die die Regierung jährlich per Dekret festlegt und die sich am Bedarf der Wirtschaft orientieren. EU-Bürger genießen dagegen volle Freizügigkeit und brauchen weder Visum noch Arbeitserlaubnis, sondern lediglich die Anmeldung beim Wohnsitzamt. Welche Voraussetzungen für Auswanderer im Detail gelten, unterscheidet sich also fundamental nach Pass.

Der Bedarf konzentriert sich auf wenige Sektoren: Pflege und Gesundheitswesen, saisonale Landwirtschaft, Gastgewerbe und Bau. Im Norden werden eher qualifizierte Fachkräfte gesucht, im Süden eher Arbeitskräfte für einfache Tätigkeiten. Für Zuzügler aus Deutschland heißt das: Stellenangebote im Ausland gibt es reichlich, besonders in Handwerksberufen, aber das Lohnniveau liegt deutlich unter dem deutschen.

Dazu kommt eine Eigenheit des italienischen Arbeitsrechts, die viele unterschätzt: Der Einstieg erfolgt fast durchgehend über befristete Verträge, Probezeiten und Praktika, und der Übergang in eine unbefristete Stelle dauert häufig Jahre. Für junge Italiener ist das der entscheidende Auswanderungsgrund, für zuziehende Deutsche bedeutet es vor allem, dass ein Mietvertrag oder ein Kredit ohne unbefristeten Vertrag schwer zu bekommen ist. Wer nach Italien zieht, sollte die ersten zwei Jahre finanziell unabhängig vom lokalen Arbeitsmarkt planen können.

Ein hartnäckiges Problem bleibt die Anerkennung ausländischer Qualifikationen. Das Verfahren verläuft in Italien langsam und uneinheitlich, weshalb viele Zugewanderte unter ihrem Ausbildungsniveau arbeiten. Zusammen mit einer großen Schattenwirtschaft in Landwirtschaft, Bau und Haushaltsdienstleistungen ergibt das ein strukturelles Muster, das Steuereinnahmen kostet und Löhne drückt.

Integration und gesellschaftliche Lage

Italien ist erst seit den 1970er Jahren netto ein Einwanderungsland, und die Institutionen sind darauf weniger eingestellt als in klassischen Zuwanderungsstaaten. Sprachförderung an Schulen funktioniert regional sehr unterschiedlich, Schülerinnen und Schüler mit Zuwanderungsgeschichte erzielen im Schnitt schwächere Bildungsergebnisse, und auf dem Wohnungsmarkt ist Diskriminierung ein reales Thema.

Gleichzeitig entstehen in vielen Städten funktionierende multikulturelle Viertel, und die hohen Einbürgerungszahlen zeigen, dass ein erheblicher Teil der Zugewanderten dauerhaft bleibt. Wie Migration eine Gesellschaft verändert, lässt sich in Italien in verdichteter Form beobachten, weil der Prozess dort später begann und schneller verläuft.

Regional fällt das Bild sehr unterschiedlich aus. Der industrialisierte Norden zwischen Mailand, Turin und Bologna zieht sowohl ausländische Fachkräfte als auch Binnenwanderer aus dem Süden an; dort liegen Löhne und Mieten am höchsten. Der Mezzogiorno verliert dagegen doppelt, nach Norden und ins Ausland, und genau dort setzen die steuerlichen Anreize für zuziehende Rentner an. Die viel zitierte Landflucht Italiens ist deshalb keine Nord-Süd-Frage allein, sondern eine Frage von Stadt und Peripherie. Dörfer mit Häusern zum symbolischen Preis sind die sichtbarste Folge dieser Entwicklung, und sie sind nur dann eine Chance, wenn Arbeit, Ärzte und Schulen in erreichbarer Nähe bleiben.

Was die Zahlen für dich bedeuten

Wer aus Deutschland nach Italien zieht, betritt einen Arbeitsmarkt, den die eigenen Absolventen gerade verlassen. Das ist kein Ausschlussgrund, aber es sortiert die sinnvollen Konstellationen. Tragfähig sind vor allem: Remote-Arbeit mit Einkommen von außerhalb, Ruhestand mit deutscher Rente und den italienischen Sonderregeln, sowie Selbstständigkeit im Tourismus oder in Nischen mit deutschsprachiger Kundschaft. Schwierig wird es, wenn du auf ein lokales Einstiegsgehalt angewiesen bist.

Wie sich die deutschen Auswanderungsquoten im Vergleich entwickeln und welche Beweggründe dahinterstehen, zeigt: Die Motive ähneln sich europaweit. Bevor du dich festlegst, klär die steuerliche Seite deines Wegzugs; unsere Kanzlei St Matthew begleitet solche Fälle, und ein Beratungsgespräch zum Umzug nach Italien klärt in einer Stunde, welche der italienischen Sonderregeln überhaupt für dich in Frage kommt. Eine ausführliche Auswertung der Zahlen findest du zusätzlich in unserer Analyse zur italienischen Auswanderungsstatistik.