Der Aufstieg der AfD hat eine Debatte ausgelöst, die vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre: Wie viele Menschen würden Deutschland verlassen, wenn die Partei regiert? Belastbare Zahlen dazu liefert eine Untersuchung des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung. Das Ergebnis zeigt ein klares Muster, das sich mit dem Wahlergebnis von 2025 noch einmal zugespitzt hat.
Was die Studie tatsächlich gemessen hat
Das DeZIM-Institut befragte im März 2024 rund 3.000 Menschen in Deutschland zu den Folgen eines AfD-Aufstiegs. Die Ergebnisse unterscheiden konsequent zwischen Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte, und sie unterscheiden zwischen zwei Fragen: Umzug in ein anderes Bundesland und Auswanderung aus Deutschland.
- Menschen mit Migrationsgeschichte: Rund ein Viertel zieht eine Auswanderung in Betracht, 9,3 Prozent haben konkrete Pläne. An einen Wechsel des Bundeslandes denken 33,8 Prozent, 12,5 Prozent konkret.
- Menschen ohne Migrationsgeschichte: 11,7 Prozent erwägen eine Auswanderung, 1,9 Prozent konkret. Über einen Umzug in ein anderes Bundesland denken 14,2 Prozent nach, also etwa jeder Siebte.
- Besonders betroffen: Menschen mit Wurzeln in arabischen Ländern nennen mit 24,1 Prozent am häufigsten konkrete Pläne für einen Bundeslandwechsel, gefolgt von Personen aus europäischen Nicht-EU-Staaten mit 15,3 Prozent.
Die vielzitierte Zahl vom Siebten bezieht sich auf den Wechsel des Bundeslandes, nicht auf die Auswanderung. Diese Unterscheidung geht in Schlagzeilen regelmäßig verloren, ist aber entscheidend für die Einordnung: Der Druck äußert sich zuerst als Binnenwanderung, erst danach als Wegzug ins Ausland.
Der politische Rahmen seit der Bundestagswahl
Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 wurde die AfD mit rund 20,8 Prozent der Zweitstimmen zweitstärkste Kraft im Bundestag, wie das amtliche Endergebnis der Bundeswahlleiterin ausweist. In allen ostdeutschen Flächenländern wurde die Partei stärkste Kraft. Damit ist aus der hypothetischen Frage der Studie eine reale politische Konstellation geworden, auch wenn eine Regierungsbeteiligung im Bund bislang ausblieb.
Für Unternehmen ist das mehr als eine Stimmungsfrage. Betriebe in Ostdeutschland berichten seit Jahren, dass internationale Fachkräfte Standorte meiden, in denen sie sich unsicher fühlen. Wie stark der Fachkräftemangel ohnehin drückt, zeigen unsere Beiträge zur Fachkräfteauswanderung und zur steigenden Abwanderung als wirtschaftliches Risiko.
Was die Studie nicht sagt
Eine Umfrage misst Einstellungen zu einem Zeitpunkt, keine Prognose. Die Befragung stammt aus dem März 2024, also aus der Phase vor der Bundestagswahl, und sie fragt nach einer hypothetischen Regierungsbeteiligung. Wer sie zitiert, sollte drei Einschränkungen mitnennen: Erstens sind Absichtsbekundungen keine Handlungen. Zweitens hängt die Antwort stark davon ab, wie die Frage gestellt wird. Drittens sagt die Studie nichts darüber, ob die Befragten die praktischen Voraussetzungen für eine Auswanderung überhaupt erfüllen.
Für eine sachliche Einordnung lohnt deshalb der Blick auf die begleitende Forschung zu Migration und Integration, wie sie die Bundeszentrale für politische Bildung aufbereitet. Wer politische Entwicklungen zum Anlass für persönliche Entscheidungen nimmt, sollte Daten und Deutung sauber trennen.
Von der Absicht zur Umsetzung ist es weit
Umfragewerte sind keine Wanderungsstatistik. Zwischen dem Gedanken und dem Umzug liegen Visum, Job, Sprache und Finanzierung, und die meisten Befragten bleiben. Was sich dagegen messbar verändert hat, ist die Zahl derer, die vorsorgen: Anfragen zu Zweitpässen, Aufenthaltstiteln und Auslandskonten steigen seit Jahren. Der Beitrag über die wachsende Auswanderungsbereitschaft und den Zweitpass per Investment ordnet diese Entwicklung ein, ergänzend liefert das Plan B Projekt den Überblick über Programme für Zweitstaatsbürgerschaften und Aufenthaltstitel.
Diese Vorsorge ist kein Extremverhalten. Ein zweiter Pass, ein Konto im Ausland oder eine Aufenthaltsgenehmigung, die man nicht sofort nutzt, sind Optionen, keine Entscheidungen. Politische Unsicherheit ist dabei nur einer von mehreren Auslösern, wie die Analyse der Gründe für die Auswanderungswelle und der Faktoren für den Neuanfang zeigt.
Warum vor allem der Osten betroffen ist
Die Sorgen konzentrieren sich regional. In den ostdeutschen Flächenländern erreicht die AfD die höchsten Werte, und dort berichten Befragte am häufigsten von Ängsten vor Ausgrenzung. Für die betroffenen Regionen ist das ein doppeltes Problem: Wegen der Altersstruktur sind sie besonders auf Zuwanderung angewiesen und verlieren gleichzeitig an Attraktivität für genau diese Gruppe. Kliniken, Pflegeeinrichtungen und Handwerksbetriebe spüren das zuerst. Kammern und Wirtschaftsverbände in Sachsen, Thüringen und Brandenburg warnen seit Jahren, dass ausländische Fachkräfte Stellen ablehnen oder nach kurzer Zeit in westdeutsche Bundesländer wechseln, obwohl Löhne und Wohnkosten dort ungünstiger sind. Das ist der eigentliche wirtschaftliche Kern der Debatte, jenseits aller Symbolpolitik.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Stimmung und Statistik. Die amtliche Wanderungsstatistik zeigt bislang keinen politisch getriebenen Exodus, sondern eine Abwanderung, die vor allem beruflich und familiär motiviert ist. Was die Studie misst, ist Vertrauensverlust, und der wirkt sich erst mit Verzögerung auf Wanderungszahlen aus, dafür langfristig.
Wahlen und ihre Folgen für Unternehmer
Politische Wechsel wirken sich auf Steuern, Abgaben und Standortentscheidungen aus, unabhängig davon, welche Partei gewinnt. Wie sich Wahlergebnisse konkret auf Unternehmer auswirken können, haben wir am Beispiel früherer Wahlen aufgearbeitet: im Rückblick auf die Bundestagswahl 2021 und in der Analyse der Veränderungen für Unternehmer nach der Wahl 2021. Die Podcastfolge Neuwahlen wegen Haushaltskrise diskutiert, welche Konsequenzen unterschiedliche Mehrheiten haben, und die Folge Warum immer mehr Deutsche gehen sammelt Erfahrungen von Menschen, die den Schritt bereits gemacht haben.
Wenn du selbst über einen Wegzug nachdenkst
Politische Motive tragen einen Umzug nur, wenn die Grundlagen stimmen. Kläre in dieser Reihenfolge:
- Aufenthaltsrecht: Welches Land nimmt dich mit deiner Qualifikation und deinem Einkommen auf?
- Einkommensquelle: Bleibt sie im Ausland bestehen, oder brauchst du einen lokalen Job?
- Steuern: Wohnsitzaufgabe, Wegzugsbesteuerung und Doppelbesteuerungsabkommen prüfen.
- Familie: Schule, Partner, Pflegeverantwortung für Angehörige.
- Rückkehroption: Renten- und Krankenversicherung so gestalten, dass eine Rückkehr möglich bleibt.
Praktische Hilfe geben unsere Beiträge zu den wichtigsten Beweggründen, zum Umzug ins Ausland und zu der Frage, worauf es bei den Prioritäten ankommt. Wie sich die Debatte um mögliche Massenabwanderung entwickelt hat, zeigt der Beitrag zur befürchteten Massenauswanderung bei einer AfD-Regierung, und den gesellschaftlichen Rahmen beschreibt die Analyse zu Deutschlands Wandel durch Migration und Integration.
Zweitpass, Konto, Aufenthaltstitel: was Vorsorge konkret heißt
Wer sich absichern will, ohne sofort umzuziehen, hat drei realistische Optionen. Erstens einen zweiten Aufenthaltstitel, etwa über ein Programm für Selbstständige, Ruheständler oder Investoren, der oft nur wenige Tage Anwesenheit pro Jahr verlangt. Zweitens eine zweite Staatsbürgerschaft, entweder über Abstammung oder über ein Investitionsprogramm, was deutlich teurer und mit längeren Verfahren verbunden ist. Drittens die schlichte Diversifikation von Konten und Vermögen über mehrere Rechtsräume hinweg.
Wichtig ist die Reihenfolge: erst rechtlich prüfen, dann bezahlen. Programme ändern sich, Aufenthaltstitel verfallen bei zu langer Abwesenheit, und die deutsche Steuerpflicht endet nicht durch einen zusätzlichen Pass, sondern nur durch die tatsächliche Aufgabe von Wohnsitz und gewöhnlichem Aufenthalt. Wer diesen Unterschied kennt, spart sich teure Enttäuschungen. Ebenfalls sinnvoll ist es, Dokumente in Ordnung zu bringen, solange keine Eile besteht: internationale Geburts- und Heiratsurkunden, Apostillen, beglaubigte Übersetzungen und ein aktueller Reisepass. Diese Papiere kosten in ruhigen Zeiten wenig Geld und wenig Zeit, unter Druck dagegen beides.
Was aus den Zahlen folgt
Die Studie belegt kein Massenexodus, aber sie zeigt eine Verunsicherung, die sich zuerst innerhalb Deutschlands entlädt und erst bei einer kleineren Gruppe in konkreten Auswanderungsplänen mündet. Am stärksten betroffen sind ausgerechnet jene, die Deutschland als Einwanderungsland gewinnen wollte. Für dich persönlich lohnt der nüchterne Blick: Wenn du aus politischen Gründen über einen Wegzug nachdenkst, prüfe zuerst, ob dein Beruf, dein Einkommen und deine Familiensituation den Schritt tragen. Alles andere führt zu einer teuren Rückkehr, und die ist emotional wie finanziell aufwendiger als der Wegzug selbst. Wenn du wissen willst, welche steuerlichen Folgen ein Wegzug für dich hätte und welche Vorbereitung sinnvoll ist, buch dir ein Beratungsgespräch.
