Auswandern nach Island heißt: 400.000 Menschen auf einer Fläche, die größer ist als Bayern und Baden-Württemberg zusammen. Die Insel bietet spektakuläre Natur, ein funktionierendes Sozialsystem und eine Gesellschaft, die Zugezogene erstaunlich pragmatisch aufnimmt. Der Preis dafür sind Lebenshaltungskosten, die rund 40 bis 50 Prozent über dem deutschen Niveau liegen. Wer das einkalkuliert, findet hier eines der stabilsten Auswanderungsziele Europas.
Warum Island Auswanderer anzieht
Island gehört zum Europäischen Wirtschaftsraum, nicht zur EU, und ist Teil des Schengenraums. Für dich als deutsche Staatsangehörige bedeutet das Freizügigkeit ohne Visum. Das Land hat in den vergangenen Jahren stark auf Zuwanderung gesetzt, der Ausländeranteil an der Bevölkerung liegt inzwischen bei rund einem Fünftel. Island ist damit deutlich internationaler, als es das Bild von der abgelegenen Vulkaninsel vermuten lässt.
Geysire, Gletscher, Vulkane und Nordlichter sind kein Postkartenmotiv, sondern Nachbarschaft. Im Sommer bringt die Mitternachtssonne fast durchgehendes Tageslicht, im Winter kehrt sich das um. Heiße Quellen und Schwimmbäder sind die eigentlichen sozialen Treffpunkte des Landes, nicht Cafés oder Kneipen. Wer in Island ankommen will, geht schwimmen.
Lebensqualität und Sicherheit
Die Kriminalitätsrate ist eine der niedrigsten weltweit, das Gesundheitssystem gilt als sehr gut, das Bildungssystem als offen und wenig selektiv. Gleichstellung ist gesellschaftlicher Konsens und nicht Debattenthema. Für Familien ist das ein starkes Argument, ebenso die selbstverständliche Vereinbarkeit von Beruf und Kindern.
Vulkanische Realität
Seit 2021 ist die Reykjanes-Halbinsel wieder aktiv, mehrere Ausbrüche haben Infrastruktur beschädigt und den Ort Grindavík dauerhaft betroffen. Das ist kein Grund gegen Island, aber ein Grund, Lage und Versicherung genau zu prüfen. Aktuelle Hinweise dazu veröffentlicht das Auswärtige Amt in seinen Reise- und Sicherheitshinweisen zu Island.
Aufenthalt, Registrierung und Kennitala
Als EWR-Bürgerin oder EWR-Bürger darfst du ohne Genehmigung einreisen und dich bis zu drei Monate aufhalten, bei aktiver Arbeitssuche bis zu sechs Monate. Wer länger bleibt und einen Wohnsitz begründet, muss sich registrieren lassen. Zuständig ist die isländische Einwanderungsbehörde Útlendingastofnun, für die Melderegistrierung Registers Iceland.
Das entscheidende Dokument ist die Kennitala, die isländische Personennummer. Ohne sie gibt es kein Bankkonto, keinen Mietvertrag, keine Anmeldung im Gesundheitssystem und kein Gehalt. Beantrage sie deshalb als Erstes. Behördengänge lassen sich weitgehend über das offizielle Bürgerportal island.is erledigen, das für nordische Verhältnisse ungewöhnlich gut funktioniert.
Wichtig: Der Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem beginnt in der Regel erst sechs Monate nach der Registrierung. Diese Lücke musst du mit einer privaten Auslandskrankenversicherung überbrücken, sonst zahlst du Behandlungen selbst. Nicht-EWR-Bürger benötigen zusätzlich eine Aufenthaltsgenehmigung, die an ein Arbeitsangebot, Studium oder Familiennachzug gebunden ist.
Papiere, die du brauchst
- Gültiger Reisepass oder Personalausweis
- Geburtsurkunde, bei Bedarf mit Apostille
- Heiratsurkunde, falls zutreffend
- Führerschein
- Zeugnisse und Qualifikationsnachweise, für reglementierte Berufe in beglaubigter Übersetzung
Was Island wirklich kostet
Island gehört zu den teuersten Ländern Europas. Lebensmittel liegen deutlich über deutschem Niveau, Restaurantbesuche noch stärker. Für eine Übersiedlung nach Island solltest du deshalb großzügiger kalkulieren als für jedes Ziel in Mitteleuropa.
Für eine Wohnung mit rund 50 Quadratmetern im Zentrum von Reykjavík werden je nach Lage etwa 1.700 bis 2.350 Euro monatlich aufgerufen, außerhalb des Zentrums eher 1.400 bis 2.100 Euro. In Akureyri und den kleineren Orten liegen die Mieten spürbar niedriger, oft 20 bis 30 Prozent unter dem Hauptstadtniveau. Für eine Einzelperson mit normalem Lebensstil sind in Reykjavík rund 2.800 bis 4.000 Euro pro Monat realistisch.
Ein Gegengewicht gibt es: Heizung und Warmwasser stammen fast vollständig aus Geothermie und sind im europäischen Vergleich günstig. Auch der Strom ist billig, weil er aus Wasserkraft und Erdwärme kommt. Wer die steuerliche Seite verstehen will, findet die aktuellen Sätze und die Systematik im Steueratlas-Profil zu Island. Für die Frage, wie deutsche Renten und Kapitalerträge in Island behandelt werden, lohnt vorab ein Beratungsgespräch.
Wohnungssuche
Der Wohnungsmarkt in der Hauptstadtregion ist eng. Gesucht wird über die Portale mbl.is und visir.is, über Makler und sehr häufig über persönliche Kontakte und Facebook-Gruppen. Möbliert vermietete Wohnungen sind verbreitet. Buche für die ersten Wochen eine Zwischenlösung und suche vor Ort, Fernanmietungen enden oft in überteuerten Verträgen.
Arbeiten in Island
Der Arbeitsmarkt ist klein, aber dynamisch. Nachgefragt sind vor allem:
- Tourismus und Gastgewerbe, weiterhin der größte Devisenbringer des Landes
- Gesundheits- und Pflegeberufe
- Bau und Handwerk
- Erneuerbare Energien, Geothermie und energieintensive Industrie
- IT, Datenzentren und Softwareentwicklung
- Fischerei und Meeresressourcen sowie Forschung
Englisch reicht in vielen Positionen aus, besonders in Tourismus und IT. Isländischkenntnisse verbessern die Chancen deutlich und sind in Gesundheitsberufen und im öffentlichen Dienst faktisch Voraussetzung. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist sehr hoch, Tarifverträge setzen Mindeststandards für Lohn, Urlaub und Kündigungsfristen. Prüfe vor Vertragsunterschrift, welcher Tarifvertrag für dich gilt, er ist oft günstiger als das individuelle Angebot.
Ankommen und Integration
Sprache
Isländisch ist grammatisch anspruchsvoll und hat sich seit der Sagazeit wenig verändert. Praktisch alle Isländerinnen und Isländer sprechen sehr gutes Englisch, was den Einstieg leicht und das Lernen schwer macht. Kostenlose oder stark vergünstigte Sprachkurse werden vielerorts für Neuzugezogene angeboten, häufig über die Gewerkschaften. Schon einfache Wendungen wie „Góðan daginn" und „Takk fyrir" öffnen Türen.
Gesellschaft
Die isländische Gesellschaft ist offen, aber sozial eng verwoben. Fast jeder kennt jeden über zwei Ecken, was Vertrauen schafft und Anonymität ausschließt. Der schnellste Weg hinein führt über Vereine, Chöre, Schwimmbäder und Wandergruppen. Pünktlichkeit im engeren Sinn ist weniger strikt als in Deutschland, Verlässlichkeit im Ergebnis dagegen sehr wohl.
Klima und Dunkelheit
Islands Klima ist dank Golfstrom milder als die Breitengrade vermuten lassen, aber extrem wechselhaft. Der Wind ist der bestimmende Faktor, nicht die Temperatur. Im Sommer bleibt es fast durchgehend hell, im Dezember gibt es in Reykjavík nur wenige Stunden Tageslicht. Der erste Winter ist für die meisten Zugezogenen die eigentliche Prüfung. Tageslichtlampen, Sport und ein fester Wochenrhythmus helfen mehr als gute Vorsätze.
Städte und Regionen
Reykjavík
Die nördlichste Hauptstadt der Welt zählt rund 140.000 Einwohner, in der Hauptstadtregion leben etwa zwei Drittel der isländischen Bevölkerung. Hier konzentrieren sich Arbeitsplätze, Universitäten, Kliniken und Kultur. Hallgrímskirkja und das Konzerthaus Harpa sind die architektonischen Wahrzeichen, das Nationalmuseum der beste Einstieg in die Geschichte des Landes.
Akureyri
Die größte Stadt außerhalb der Hauptstadtregion hat rund 20.000 Einwohner und liegt am Eyjafjörður. Sie gilt als „Hauptstadt des Nordens", hat eine eigene Universität, ein Krankenhaus und ein vergleichsweise mildes Binnenklima. Wohnen ist deutlich günstiger, das Arbeitsplatzangebot dafür schmaler.
Egilsstaðir und die Ostfjorde
Egilsstaðir ist mit etwa 2.500 Einwohnern das Zentrum Ostislands, Verkehrsknoten und Verwaltungssitz mit Schulen, Krankenhaus und Flughafen. Die Region lebt von Fischerei, Landwirtschaft, Aluminiumindustrie und Tourismus. Wer Ruhe und Landschaft sucht, findet hier beides im Überfluss, muss aber mit langen Wegen und dünner Infrastruktur rechnen.
Ruhestand in Island
Island ist kein klassisches Ruhestandsziel, aber für Menschen mit soliden Einkünften durchaus tragfähig. Entscheidend sind zwei Punkte: die Behandlung deiner deutschen Rente im Doppelbesteuerungsabkommen und der Zugang zum Gesundheitssystem, der an die Registrierung und die Wartefrist gekoppelt ist. Eine praxisnahe Übersicht bietet unser Beitrag zum Ruhestand in Island.
Passt Island zu deinem Leben?
Island passt zu Menschen, die Wetter aushalten, Natur brauchen und ein Einkommen mitbringen oder eine gefragte Qualifikation haben. Es passt schlecht zu allen, die auf ein günstiges Leben hoffen oder ein großes kulturelles Angebot erwarten.
Fahr im November hin, nicht im Juli. Wer die Insel im Dunkeln mag, mag sie im Sommer erst recht. Klär vorher Kennitala, Krankenversicherung und Wohnung, in dieser Reihenfolge, und lass die steuerliche Seite deines Wegzugs prüfen. Wenn du das strukturiert angehen willst, vereinbare ein Beratungsgespräch.
