Wenn im Irak von Naturgefahren die Rede ist, denkt kaum jemand an Erdbeben oder Stürme. Das dominierende Thema ist Wasser, genauer gesagt das Fehlen von Wasser. Das Land zwischen Euphrat und Tigris, jahrtausendelang die Kornkammer der Region, erlebt derzeit die schwerste Trockenperiode seit fast einem Jahrhundert. Für Auswanderer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ist der Irak nur in Ausnahmefällen ein Ziel, doch wer beruflich dort ist oder die Region einschätzen will, sollte diese Entwicklung kennen.

Die zweite Konstante sind Hitze und Staub. Beide sind nicht spektakulär, aber sie bestimmen den Alltag stärker als jedes Einzelereignis, und beide verschärfen sich messbar.

Die Wasserkrise in Zahlen

2025 war das trockenste Jahr im Irak seit 1933. Euphrat und Tigris führten fast ein Drittel weniger Wasser als im langjährigen Mittel, und das Land erhält aktuell weniger als 40 Prozent seines historischen Wasseranteils. Die Pegel beider Ströme liegen auf historischem Tiefstand.

Besonders drastisch zeigt sich das im Süden. Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation sind fast 70 Prozent der südlichen Marschgebiete inzwischen ohne Wasser. Dort, wo einst ein einzigartiges Feuchtgebiet lag, herrschen Temperaturen über 50 Grad und die schwerste Hitzewelle seit vier Jahrzehnten. Ganze Dörfer der Marscharaber haben ihre Lebensgrundlage verloren und ziehen in die Städte.

Die Ursachen sind eine Mischung: rückläufige Niederschläge und höhere Verdunstung durch den Klimawandel, Staudämme in der Türkei und im Iran, die den Zufluss regulieren, sowie eine verlustreiche Bewässerungspraxis im Land selbst. Ende 2025 verhandelte Bagdad ein umstrittenes Abkommen, das türkische Wasserlieferungen mit Ölexporten verknüpft. Das zeigt, wie sehr Wasser zum außenpolitischen Faktor geworden ist.

Hitze, Staub und die übrigen Gefahren

Im Sommer sind Werte über 50 Grad in Basra, Nasiriyya und Bagdad keine Seltenheit mehr. Die Stromversorgung bricht in Spitzenzeiten regelmäßig zusammen, weil die Klimaanlagen die Netzkapazität übersteigen. Wer im Irak lebt, braucht eine gesicherte Notstromversorgung, denn ein Ausfall im Juli ist ein Gesundheitsrisiko und keine Unannehmlichkeit.

Sand- und Staubstürme

Die Zahl der Staubtage steigt seit Jahren. Ein Sturm Mitte Dezember 2024 zog durch das gesamte Zweistromland und verursachte in mehreren Städten einschließlich Bagdad massive Luftbelastung. Fachleute halten es für möglich, dass die Region bis 2050 an mehr als 300 Tagen im Jahr Staubstürme erlebt, wenn die Entwicklung so weitergeht. Für Menschen mit Atemwegserkrankungen ist das der entscheidende Faktor.

Überschwemmungen

Trotz der Dürre gibt es Hochwasser, und zwar in Form von Sturzfluten. Im Winter und Frühjahr fällt der wenige Regen in konzentrierten Ereignissen, die in der kurdischen Bergregion und in den Wadis des Westens Sturzfluten auslösen. In den Städten steht dann binnen Stunden das Wasser, weil die Kanalisation überlastet und vielerorts beschädigt ist.

Erdbeben

Der Nordosten des Landes liegt am Rand der Zagros-Kollisionszone. Das Beben von Ezgeleh im November 2017 an der irakisch-iranischen Grenze forderte auf beiden Seiten Todesopfer und zeigte, dass die Region Beben oberhalb von Stärke 7 hervorbringen kann. Für die kurdischen Gouvernements ist Erdbebensicherheit beim Bau deshalb ein reales Thema, für den Süden praktisch nicht.

Versalzung

Ein schleichendes Problem: Weil weniger Süßwasser aus dem Norden kommt, dringt Meerwasser aus dem Golf in den Schatt al-Arab vor. Die Trinkwasserqualität in Basra ist deshalb seit Jahren angespannt, mit wiederkehrenden Krankheitswellen. In Basra ist Leitungswasser für Zuzügler grundsätzlich nicht als Trinkwasser geeignet.

Regionale Unterschiede

Autonome Region Kurdistan

Erbil, Sulaimaniyya und Duhok liegen im Bergland mit gemäßigterem Sommer, mehr Winterniederschlag und deutlich besserer Versorgungslage. Hier sind Sturzfluten nach Schneeschmelze und Starkregen das Hauptthema, dazu das erwähnte Erdbebenrisiko am Zagros-Rand. Wer beruflich im Irak arbeitet, tut das in aller Regel von hier aus.

Bagdad und das Zentrum

Die Hauptstadt kämpft mit Hitze, Staub und einer Kanalisation, die bei Winterregen regelmäßig überlastet ist. Die Stromversorgung ist der Engpass des Alltags, private Generatorennetze überbrücken die Ausfälle gegen Gebühr. Der Tigris führt so wenig Wasser, dass Uferbereiche trockenfallen, die früher ganzjährig überströmt waren.

Süden und Basra

Der Süden trägt die Hauptlast der Krise. Über 50 Grad im Sommer, versalzenes Wasser, ausgetrocknete Marschen und wiederkehrende Krankheitswellen machen die Region zur schwierigsten des Landes. Die Abwanderung aus dem Süden in Richtung Bagdad und Kurdistan ist inzwischen einer der stärksten Binnenmigrationsströme des Landes.

Warnsysteme und Notrufe

Der irakische Wetterdienst gibt Warnungen zu Hitze, Staub und Starkregen heraus, die über staatliche Medien und soziale Netzwerke verbreitet werden. Ein flächendeckendes automatisiertes Warnsystem wie in Japan oder in der EU existiert nicht, und die Reichweite hängt stark von der Region ab. In der Autonomen Region Kurdistan funktioniert die Katastrophenkoordination in der Regel besser als im Zentrum und im Süden.

Als Notrufnummern gelten Polizei 104, Rettungsdienst 122 und Feuerwehr 115. Die europäische 112 ist nicht zuverlässig erreichbar. Für die konsularische Bewertung und die aktuellen Sicherheitshinweise, die im Irak Naturgefahren und Sicherheitslage gemeinsam abbilden, ist das Auswärtige Amt die richtige Quelle. Laufende Lageberichte internationaler Organisationen zu Dürre, Vertreibung und Wasserversorgung bündelt ReliefWeb.

Versicherbarkeit und lokaler Markt

Der irakische Versicherungsmarkt ist klein und für Ausländer nur eingeschränkt nutzbar. Es gibt staatliche und private Anbieter, doch die Produkte decken vor allem Kfz, Fracht und industrielle Risiken ab. Private Wohngebäude- und Hausratpolicen gegen Naturgefahren sind kaum verbreitet, und internationale Versicherer arbeiten überwiegend über Spezialdeckungen für Hochrisikoländer.

Für den Aufenthalt heißt das konkret: Eine internationale Krankenversicherung mit medizinischer Evakuierung ist zwingend, da komplexe Behandlungen meist in der Türkei, in Jordanien oder in den Golfstaaten stattfinden. Prüfe die Kriegs- und Terrorklauseln deiner Police genau, sie sind der häufigste Grund für Leistungsablehnungen. Wer Vermögen halten will, sollte Konten außerhalb des Landes führen. Die Grundlagen dazu findest du auf unserer Schwesterseite zum Auslandskonto, die Struktur größerer Vermögen behandeln wir auf Asset Protection Plus.

Was die Krise gesellschaftlich auslöst

Wasserknappheit bleibt im Irak nicht bei landwirtschaftlichen Ertragsverlusten stehen. Sie erzeugt Binnenmigration, weil Bauern und Fischer ihre Existenzgrundlage verlieren und in die Städte ziehen, wo Wohnraum und Arbeit ohnehin knapp sind. Sie erzeugt Konflikte um Nutzungsrechte zwischen Provinzen und Stämmen. Und sie erzeugt Druck auf die Stromversorgung, weil Wasserkraft ausfällt und die Nachfrage nach Klimatisierung gleichzeitig steigt.

Für jeden, der die Lage im Land einschätzen muss, gilt deshalb: Dürre ist im Irak kein Umwelt-, sondern ein Stabilitätsthema. Proteste in Basra und in anderen südlichen Städten hatten in der Vergangenheit regelmäßig Wasser- und Stromversorgung als Auslöser. Wer beruflich vor Ort ist, sollte Versorgungsengpässe und Unruhelagen als zusammenhängendes Risiko planen, nicht als getrennte Themen.

Was du vor einem Aufenthalt klären solltest

  • Region: Erbil und Sulaimaniyya haben ein anderes Risiko- und Versorgungsprofil als Bagdad oder Basra.
  • Notstrom und Klimatisierung: Gebäude mit eigenem Generator und Wartungsvertrag, nicht nur mit Netzanschluss.
  • Trinkwasser: Eigene Aufbereitung oder gesicherte Flaschenwasserversorgung, besonders im Süden.
  • Atemschutz und Luftreiniger für die Staubsaison von März bis Juli.
  • Internationale Krankenversicherung mit Evakuierung, ohne pauschalen Ausschluss für das Land.
  • Wohnlage nicht in einer Wadi-Abflussbahn und nicht im Souterrain.
  • Erdbebensicherheit des Gebäudes prüfen, wenn du dich in der kurdischen Bergregion aufhältst.
  • Ausreisewege über zwei unabhängige Routen planen, da Flughäfen kurzfristig schließen können.

Der Irak und deine Planung: ein nüchterner Blick

Der Irak ist kein klassisches Auswanderungsziel, und die Wasserkrise ist der Grund, warum sich daran auf absehbare Zeit nichts ändert. Ein Land, dessen Flüsse ein Drittel ihres Wassers verloren haben und dessen Süden zunehmend unbewohnbar wird, ist wirtschaftlich und sozial unter Dauerdruck. Wer beruflich dorthin geht, sollte Versorgung, Gesundheitsabsicherung und Ausstiegsplan vorab schriftlich geregelt haben.

Wenn du ein realistisches Ziel in der weiteren Region suchst und deinen Wegzug aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz sauber aufsetzen willst, buch dir ein Beratungsgespräch. Wir sortieren Wohnsitz, Steuerpflicht und Absicherung gemeinsam.