Paraguay und Bolivien sind die beiden Binnenländer Südamerikas und werden gern in einem Atemzug genannt: günstig, wenig bekannt, mit viel Platz. Für 2026 ist dieser Vergleich allerdings sehr ungleich ausgegangen, denn Bolivien steckt in der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Wer die Länder ernsthaft gegeneinander abwägt, muss diese Lage kennen, bevor er über Steuersätze redet.
Der Aufenthalt: geregelt gegen unübersichtlich
Paraguay hat sein Migrationsrecht 2022 modernisiert. Seit dem Gesetz 6984/2022 startest du in der Regel mit einer befristeten Aufenthaltserlaubnis für zwei Jahre und wechselst danach in den Daueraufenthalt. Der allgemeine befristete Aufenthalt verlangt keinen Einkommens- oder Einlagennachweis mehr, aber persönliche Anwesenheit, beglaubigte Dokumente und Geduld. Zuständig ist die Dirección General de Migraciones.
Direkt in den Daueraufenthalt führen die Rentner- und die Investorenschiene. Die Investorenroute über das Verfahren SUACE verlangt eine Investition von rund 70.000 US-Dollar in ein paraguayisches Unternehmen und die Schaffung mehrerer Arbeitsplätze. Die Staatsangehörigkeit ist nach drei Jahren Daueraufenthalt grundsätzlich möglich.
Bolivien
Bolivien arbeitet mit einem Visum für einen bestimmten Zweck, aus dem eine befristete Aufenthaltserlaubnis von ein bis drei Jahren und später ein Daueraufenthalt werden kann. Die Verfahren sind formal vorhanden, in der Praxis aber stark von der jeweiligen Behörde und von Vermittlern abhängig. Rechne mit erheblichem Aufwand, mit Sprachbarrieren und mit einer Verwaltung, die aktuell zusätzlich unter Druck steht. Aktuelle Einreise- und Sicherheitshinweise stehen beim Auswärtigen Amt zu Bolivien.
Boliviens Krisenlage 2026
Diesen Abschnitt kannst du nicht überspringen. Bolivien hat seine Devisenreserven über Jahre aufgezehrt, von rund 15 Milliarden US-Dollar im Jahr 2014 auf zuletzt gut drei Milliarden. Die Folge ist ein anhaltender Dollarmangel mit Parallelkursen, Importproblemen und wiederkehrenden Treibstoffengpässen.
Die Regierung unter Rodrigo Paz, die im November 2025 antrat, hat mit harten Maßnahmen gegengesteuert. Die Treibstoffsubventionen wurden gestrichen, wodurch Benzin- und Dieselpreise in einem Schritt drastisch stiegen. Der Haushalt 2026 rechnet mit einem zweistelligen Defizit und einer Inflation im Bereich von 14 Prozent. Im Frühjahr und Sommer 2026 kam es zu ausgedehnten Straßenblockaden und Protesten, zu Rücktritten in der Regierung und zur Ausrufung eines Ausnahmezustands wegen der Blockaden. Versorgungsengpässe bei Treibstoff, Medikamenten und Grundnahrungsmitteln waren die Folge.
Für dich heißt das konkret: Bolivien ist 2026 kein Land, in das man ohne zwingenden Grund und ohne belastbares Netzwerk vor Ort umzieht. Wer bereits dort ist oder geschäftliche Bindungen hat, braucht eine funktionierende Ausweichoption. Wer neu plant, sollte die Entwicklung mindestens ein bis zwei Jahre beobachten. Statistische Grundlagen veröffentlicht das Instituto Nacional de Estadística.
Steuern im Vergleich
Paraguay hat das klarere und günstigere System. Nach der Steuerreform 6380/2019 gilt das Territorialprinzip: Auslandseinkünfte bleiben für paraguayische Ansässige grundsätzlich steuerfrei. Lokale Einkünfte unterliegen der Einkommensteuer IRP mit bis zu 10 Prozent, Unternehmen der IRE mit 10 Prozent, Dividenden der IDU mit 8 Prozent, und die Umsatzsteuer beträgt 10 Prozent. Die Details stehen im Profil zu Steuern in Paraguay.
Bolivien besteuert ebenfalls im Kern quellenbezogen, arbeitet aber mit einer anderen Struktur aus Umsatzsteuer, ergänzender Einkommensabgabe und Unternehmensgewinnsteuer, dazu mit Transaktionssteuern, die im Alltag spürbar sind. Die Systematik ist im entsprechenden Länderprofil aufbereitet. Unsere Kanzlei St Matthew hat die unternehmerische Seite im Beitrag zu den Steuern in Bolivien beschrieben. Der eigentliche Unterschied liegt aber nicht im Steuersatz, sondern in der Frage, ob du dein Geld verlässlich ins Land und wieder heraus bekommst. Genau hier hat Bolivien 2026 das Problem.
Kosten und Lebensstandard
Beide Länder gehören zu den günstigsten Südamerikas. Ein belastbarer Anhaltspunkt für Paraguay: Der gesetzliche Mindestlohn stieg zum 1. Juli 2026 auf 3.044.000 Guaraní, umgerechnet etwa 500 US-Dollar; die Umsetzung hat das Arbeitsministerium geregelt. In Bolivien liegen die nominalen Preise noch niedriger, doch der Parallelkurs des Dollars und die Versorgungslücken machen die Rechnung unzuverlässig.
- Wohnen ist in Asunción und Umgebung günstig, in Santa Cruz de la Sierra ebenfalls, in La Paz durch die Höhenlage besonders.
- Importwaren sind in Bolivien derzeit knapp und teuer, in Paraguay durch die niedrigen Einfuhrabgaben günstig.
- Medizinische Versorgung ist privat in Asunción und Santa Cruz brauchbar, staatlich in beiden Ländern schwach.
- Internet ist in paraguayischen Ballungsräumen inzwischen solide, in Bolivien außerhalb der großen Städte schwankend.
Alltag, Klima und Community
Paraguay ist subtropisch bis tropisch mit sehr heißen Sommern über 40 Grad und milden Wintern. Bolivien hat durch die Höhenlagen enorme Spannweiten: La Paz und El Alto liegen über 3.600 Meter, Santa Cruz im Tiefland ist tropisch. Die Höhenlage im bolivianischen Andenraum ist ein echtes gesundheitliches Thema, das du mit Vorerkrankungen ärztlich abklären lassen solltest.
Sprachlich brauchst du in beiden Ländern Spanisch. Paraguay ist offiziell zweisprachig mit Guaraní, Bolivien kennt neben Spanisch mehrere anerkannte indigene Sprachen. Für Zuzügler aus dem deutschsprachigen Raum gibt es in Paraguay etablierte Siedlungen und Kolonien sowie eine wachsende Community in und um Asunción. In Bolivien existieren mennonitische Kolonien im Tiefland, aber kaum eine vergleichbare Anlaufstruktur für neue Zuzügler.
Standorte, Immobilien und Praxis
In Paraguay konzentriert sich fast alles auf den Großraum Asunción mit den Vororten Luque, San Lorenzo, Fernando de la Mora und dem gehobenen Lambaré. Wer Land sucht, findet es günstig im Osten Richtung Ciudad del Este und im Chaco, muss dort aber auf Infrastruktur verzichten. Der Immobilienmarkt ist unreguliert, Makler arbeiten ohne verbindliche Standards, und Titelprüfungen durch einen unabhängigen Anwalt sind zwingend, weil Doppelverkäufe und ungeklärte Besitzverhältnisse vorkommen.
Boliviens relevanter Wirtschaftsstandort ist Santa Cruz de la Sierra im Tiefland, das in normalen Zeiten dynamischer wächst als der Rest des Landes. La Paz und Cochabamba sind Verwaltungs- und Universitätsstandorte. Derzeit ist der Immobilienmarkt allerdings von der Devisenlage gezeichnet: Verkäufe verzögern sich, weil Zahlungsverkehr in harter Währung schwierig ist, und Preisangaben in Dollar weichen je nach Kurs erheblich voneinander ab.
Praktisch heißt das für beide Länder: Miete zuerst, kaufe später. In Paraguay ist ein Jahr Mietzeit ein guter Richtwert, bevor du dich festlegst. In Bolivien wäre ein Kauf unter den aktuellen Bedingungen schlicht eine Wette auf die politische Entwicklung.
Die ehrlichen Nachteile
Paraguay: langsame Behörden, ein unregulierter Immobilienmarkt mit zwingender Titelprüfung, schwache Gesundheitsversorgung außerhalb Asunción, spürbare Korruption und ein Klima, das im Sommer belastet. Wer eine Daueraufenthaltsgenehmigung binnen weniger Wochen erwartet, arbeitet mit veralteten Informationen.
Bolivien: die genannte Wirtschafts- und Versorgungskrise, politische Instabilität mit Blockaden und Protesten, Kapitalverkehrsprobleme, eine schwache Rechtsdurchsetzung und eine Infrastruktur, die unter der Belastung leidet. Wenn du dennoch südamerikanische Alternativen prüfen willst, hilft der Blick auf Uruguay im direkten Vergleich mit Paraguay oder auf Argentinien im Vergleich mit Uruguay.
Ruhestand, Banking und Vorbereitung
Für Ruheständler ist Paraguay das realistischere Ziel, weil es ein Rentnerprogramm, niedrige Kosten und steuerfreie Auslandseinkünfte kombiniert. Die Details sind für den Ruhestand in Paraguay aufbereitet. Kryptohalter finden die Behandlung in der Übersicht zu Krypto-Steuern in Paraguay. Ein tragfähiges Auslandskonto gehört in beiden Ländern früh auf die Liste, in Bolivien ist es angesichts der Devisenlage sogar Voraussetzung für Handlungsfähigkeit. Unsere Kanzlei St Matthew hat den paraguayischen Weg im Leitfaden zur Auswanderung ins unternehmerfreundliche Paraguay beschrieben.
Warum die Antwort hier eindeutig ausfällt
Paraguay passt zu dir, wenn du steuerliche Effizienz, niedrige Kosten und einen berechenbaren rechtlichen Rahmen suchst und wenn du mit einfacher Infrastruktur und langsamer Verwaltung leben kannst. Es ist 2026 das klar tragfähigere der beiden Ziele.
Bolivien ist derzeit kein Auswanderungsziel für Neueinsteiger, sondern ein Land in einer akuten Anpassungskrise. Es kann in einigen Jahren wieder interessant werden, insbesondere Santa Cruz als Wirtschaftsstandort, aber eine Standortentscheidung auf dieser Grundlage wäre heute leichtsinnig.
Wenn du den paraguayischen Weg konkret durchrechnen willst, buch ein Beratungsgespräch zu Paraguay. Für die generelle Wegzugsplanung aus Deutschland, inklusive Wegzugsbesteuerung und Wohnsitzaufgabe, gibt es das Beratungsgespräch.
