Der Aufstieg der AfD hat ein Thema in die Mitte der Gesellschaft getragen, das dort lange nicht war: die Frage, ob man bleibt. Das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung hat dazu belastbare Zahlen erhoben, und die sind differenzierter als die Schlagzeilen über eine Abwanderungswelle nahelegen. Die Mehrheit denkt nicht ans Auswandern, aber eine relevante Minderheit plant konkret.

Dieser Text ordnet die Befunde ein, aktualisiert sie um die politische Lage im Sommer 2026 und zeigt, was aus einem Gedankenspiel ein tragfähiger Plan macht.

Was die DeZIM-Studie tatsächlich gemessen hat

Die Untersuchung des DeZIM-Instituts unterscheidet sauber zwischen Erwägen und Planen. Dieser Unterschied ist entscheidend, weil beide Zahlen in der Berichterstattung regelmäßig vermischt werden.

  • Menschen mit Migrationsgeschichte: knapp jede vierte Person erwägt zumindest hypothetisch, Deutschland zu verlassen, konkrete Auswanderungspläne haben 9,3 Prozent.
  • Menschen ohne Migrationsgeschichte: 11,7 Prozent erwägen einen Wegzug, konkrete Pläne haben 1,9 Prozent.
  • Bei einer AfD-Beteiligung an einer Landesregierung würden 33,8 Prozent der Befragten mit Migrationsgeschichte einen Wechsel des Bundeslands erwägen, 12,5 Prozent planen ihn konkret.
  • Besonders hoch liegen die Werte bei Menschen mit Wurzeln in arabischen Ländern mit 24,1 Prozent und in europäischen Nicht-EU-Staaten mit 15,3 Prozent.

Die Studie zeigt außerdem, dass die sogenannten Remigrationspläne zwar nur von einer Minderheit geteilt werden, aber breite Verunsicherung auslösen. Viele Befragte gaben an, sich weniger sicher und weniger willkommen zu fühlen. Nicht die tatsächliche Politik, sondern dieses Gefühl treibt die Wegzugsgedanken.

Die politische Lage im Sommer 2026

Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 wurde die Union mit 28,6 Prozent der Zweitstimmen stärkste Kraft, die AfD erreichte mit 20,8 Prozent erstmals Platz zwei. Die amtlichen Ergebnisse dokumentiert die Bundeswahlleiterin.

Seitdem hat sich das Bild verschoben. In den Sonntagsfragen des Sommers 2026 liegt die AfD bei rund 27 bis 29 Prozent und damit vor der Union, die auf etwa 22 Prozent kommt. In Ostdeutschland sind die Werte deutlich höher: Für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 weisen Umfragen die AfD bei rund 41 Prozent aus, nach 20,8 Prozent bei der Wahl 2021. Bei den Landtagswahlen 2024 war die AfD in Thüringen mit 32,8 Prozent bereits stärkste Kraft geworden, in Sachsen und Brandenburg jeweils zweitstärkste.

Für die Einordnung wichtig: Umfragewerte sind keine Wahlergebnisse, und eine Regierungsbildung setzt Koalitionspartner voraus, die derzeit alle anderen Parteien ausschließen. Zwischen Umfragehoch und Regierungsmacht liegt ein erheblicher Abstand. Wer seine Lebensplanung darauf stützt, sollte das mitdenken.

Wer über einen Wegzug nachdenkt

Die Beweggründe sind selten eindimensional. Politische Sorge kommt fast nie allein, sondern trifft auf Steuerlast, Bürokratie, Energiepreise oder eine unbefriedigende berufliche Lage. Auffällig ist, dass die Sorge um die wirtschaftliche Stabilität als eigener Faktor hinzukommt, wie sich auch daran zeigt, dass sich viele Deutsche um die Staatsverschuldung sorgen.

Bei jüngeren Befragten dominieren berufliche Motive, wie die Auswertung zu den Motiven junger Auswanderer zeigt. Bei Familien mit internationaler Geschichte steht die Frage nach Sicherheit und Zugehörigkeit im Vordergrund. Und bei Selbstständigen ist häufig die Steuer- und Regulierungslast der Auslöser, wie sich in der Diskussion um die Auswanderungswelle zeigt.

Was ein Wegzug wirtschaftlich bedeuten würde

Der volkswirtschaftliche Effekt entsteht nicht durch die Zahl der Auswanderer, sondern durch deren Qualifikation. Deutschland verliert bereits heute überdurchschnittlich viele Hochqualifizierte, wie die Auswertung zu Fachkräften mit guten Jobaussichten zeigt. Verstärkt sich dieser Trend, trifft er zuerst Gesundheitswesen, IT und Ingenieurberufe.

Parallel dazu hängt die Zuwanderung qualifizierter Kräfte an der Attraktivität des Standorts. Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz hat die Wege für beruflich Qualifizierte aus Drittstaaten erweitert, doch die Wirkung verpufft, wenn potenzielle Zuwanderer das Land als abweisend wahrnehmen. Diese Wechselwirkung beschreibt der Beitrag zur Fachkräfteabwanderung ausführlich. Für Betriebe im Handwerk stellt sich die Frage besonders scharf, wie die Übersicht zu Handwerkern im Ausland zeigt.

Wie sich Migration, Integration und Gesellschaft in Deutschland insgesamt verschieben, ordnet der Beitrag zu Deutschlands Wandel ein. Die kurze Version: Die demografische Lücke lässt sich ohne Zuwanderung nicht schließen, und Ostdeutschland braucht sie am dringendsten.

Regionale Unterschiede ernst nehmen

Ostdeutschland steht vor einem doppelten Problem. Die Region benötigt Zuwanderung gegen den Bevölkerungsrückgang, gilt aber vielen potenziellen Zuwanderern als weniger einladend. In Sachsen und Thüringen ist die Auswanderungs- und Umzugsneigung von Menschen mit Migrationsgeschichte laut den DeZIM-Daten am höchsten.

Brandenburg profitiert von der Nähe zu Berlin, das als Arbeitsmarkt und als diverses Umfeld einen Puffer bildet. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern fehlt dieser Effekt weitgehend. Der innerdeutsche Umzug ist dabei die deutlich häufigere Reaktion als die Auswanderung, und er ist auch die reversiblere.

Für Arbeitgeber in diesen Regionen ist das ein handfestes Problem. Wer heute Pflegekräfte, Ärztinnen oder Softwareentwickler sucht, konkurriert nicht nur mit München und Hamburg, sondern mit Wien, Zürich und Kopenhagen. Die entscheidende Größe ist nicht das Gehalt, sondern das Gefühl von Perspektive. Wo dieses Gefühl kippt, folgt die Abwanderung mit einigen Jahren Verzögerung, dafür aber dauerhaft. Das gilt für Zugewanderte und für Einheimische gleichermaßen.

Vom Gedanken zur Umsetzung: die harten Fragen

Wer den Schritt ernsthaft erwägt, kommt an vier Fragen nicht vorbei. Sie entscheiden darüber, ob ein Wegzug funktioniert oder zur teuren Rückkehr wird.

Innerhalb der EU brauchst du kein Visum, außerhalb schon. Für die klassischen Zielländer gilt ein Punkte- oder Berufslistensystem, und beides ist altersabhängig. Die Einwanderung in die USA ist der aufwendigste Weg, weil dort neben dem Visum die weltweite Steuerpflicht nach Staatsangehörigkeit greift. Wer in ein EU-Land auswandert, hat es dagegen vergleichsweise leicht.

Einkommen

Ohne gesichertes Einkommen scheitert der Umzug an den Aufenthaltsvoraussetzungen. Angestellte brauchen einen Arbeitsvertrag oder eine Berufsanerkennung, Selbstständige einen tragfähigen Kundenstamm. Welche Karrierechancen realistisch sind und welche Erwartungen an das Arbeiten im Ausland überzogen sind, solltest du vorher prüfen.

Sprache

Deutschsprachige Ziele wie Österreich und die Schweiz senken die Einstiegshürde erheblich, wie die Übersicht zu deutschsprachigen Zielländern zeigt. Der Preis sind hohe Lebenshaltungskosten und ein enger Wohnungsmarkt.

Steuern

Der Wegzug beendet die unbeschränkte Steuerpflicht nicht automatisch. Wohnsitz, gewöhnlicher Aufenthalt und die erweiterte beschränkte Steuerpflicht sind eigene Prüfungen, bei Anteilseignern kommt die Wegzugsbesteuerung dazu. Wer das erst nach dem Umzug klärt, zahlt regelmäßig drauf. Ein Beratungsgespräch vor dem Abmeldetermin ist die günstigere Variante.

Zielländer, die tatsächlich gewählt werden

Die reale Zielstruktur deutscher Auswanderer hat wenig mit den Debatten zu tun. Die Schweiz, Österreich und Spanien führen die Statistik an, gefolgt von den USA und Frankreich. Für Menschen mit türkischen Wurzeln ist die Türkei ein naheliegendes Ziel, und dort gibt es inzwischen Programme zur Reintegration von Rückkehrern, wie der Beitrag zu deutschen Auswanderern in der Türkei zeigt.

Auffällig ist, dass ein Teil der Wegzüge gar nicht politisch motiviert ist, sondern beruflich oder familiär. Die Debatte um die AfD verstärkt bestehende Absichten eher, als dass sie neue schafft. Das deckt sich mit den Daten zur Frage, wie viele Menschen bei einem AfD-Kanzler das Land verlassen würden, und mit der Erfahrung, welche Chancen und Hürden Deutsche im Ausland tatsächlich erwarten.

Vom Gedankenspiel zum belastbaren Plan

Die nüchterne Lesart der Daten lautet: Politische Sorge ist ein realer Faktor, aber ein schlechter alleiniger Grund für eine Auswanderung. Wer aus Angst geht, landet oft in einem Land, das er sich nicht ausgesucht, sondern nur als Ausweg gewählt hat.

Der bessere Weg ist zweistufig. Sorge dafür, dass du handlungsfähig bist: gültige Pässe, ein Konto außerhalb der Eurozone, dokumentierte Abschlüsse, und wenn es passt, ein Aufenthaltstitel in einem zweiten Land. Und triff die eigentliche Entscheidung dann anhand von Aufenthaltsrecht, Einkommen, Sprache und Steuern, nicht anhand einer Umfrage. Optionalität schlägt Aktionismus. Wenn du die steuerliche Seite sauber aufsetzen willst, klärst du sie am besten in einem strukturierten Erstgespräch, bevor der Umzugstermin steht.