Familien, die einen Umzug nach Jordanien planen, hören oft, Homeschooling sei dort einfach möglich. Diese Aussage geht an der Rechtslage vorbei. Jordanien hat eine zehnjährige Pflicht zur Grundbildung, und es gibt keinen gesetzlich ausgestalteten Weg für Hausunterricht als Ersatz für den Schulbesuch. Was es gibt, ist ein sehr großer privater und internationaler Schulsektor sowie eine Verwaltungspraxis, die sich in erster Linie an jordanische Familien richtet.
Die Rechtsgrundlage: Bildungsgesetz Nr. 3 von 1994
Maßgeblich ist das Bildungsgesetz Nr. 3 aus dem Jahr 1994 samt seiner Änderungen. Es regelt Kindergarten, Grundbildung und Sekundarstufe, definiert die Aufgaben des Bildungsministeriums und die Aufsicht über Privatschulen. Zuständig ist das jordanische Bildungsministerium, das öffentliche Schulen betreibt und private Einrichtungen lizenziert und kontrolliert. Eine Übersicht über die rechtlichen Rahmenbedingungen und den nichtstaatlichen Bildungssektor liefert das UNESCO-Bildungsprofil zu Jordanien.
Die Reform von 1994 hat die Pflichtgrundbildung auf zehn Jahre ausgedehnt. Sie beginnt mit sechs Jahren und endet regulär mit etwa 16 Jahren, danach folgt die zweijährige Sekundarstufe, die auf das Tawjihi vorbereitet und nicht mehr verpflichtend ist. In staatlichen Schulen ist die Pflichtgrundbildung für Jordanier kostenfrei.
Wen die Pflicht bindet und was daraus folgt
Die Pflicht ist auf jordanische Kinder zugeschnitten, und die Durchsetzung läuft über Schulen und lokale Bildungsdirektionen. Ausländische Familien mit Aufenthaltstitel melden ihre Kinder in aller Regel an Privatschulen an, weil dort das Curriculum und die Sprache passen. Ein eigenes Antrags- oder Anerkennungsverfahren für Hausunterricht existiert im jordanischen Recht nicht. Wer zu Hause unterrichtet, bewegt sich damit außerhalb des Systems und erhält keine staatlich anerkannten Zeugnisse.
Das Bildungsministerium kennt allerdings ein Programm für Prüflinge, die ihre Abschlussprüfung ohne regulären Schulbesuch ablegen, im Sprachgebrauch als häusliches Studium bezeichnet. Es ist ein Prüfungsweg, keine Genehmigung für einen alternativen Schulweg über zehn Jahre. Verwechsle die beiden Dinge nicht, denn genau daraus entstehen die falschen Behauptungen im Netz.
Was Zuzüglern realistisch offensteht
Amman hat eine große Auswahl an Privatschulen mit britischem, amerikanischem und internationalem Programm, dazu französische und deutschsprachige Angebote. Diese Schulen sind der Standardweg für Expat-Familien und lösen zugleich das Zeugnisproblem. Wer die Bildung stärker selbst gestalten will, kombiniert eine deutsche Fernschule mit lokalen Aktivitäten und legt die Prüfungen extern ab.
Für den Abschluss stehen drei Wege im Vordergrund: der staatlich anerkannte deutsche Schulabschluss über eine Fernschule mit Bundeslandanbindung, Cambridge IGCSE mit anschließenden A-Levels als Privatprüfling, oder das International Baccalaureate an einer der IB-Schulen in Amman. Melde dich für externe Prüfungen mindestens sechs Monate vorher an, weil die Zahl der Plätze für externe Kandidaten begrenzt ist.
Aufenthalt, Alltag und Sicherheit
Der Aufenthalt in Jordanien knüpft üblicherweise an Beschäftigung, Investition oder Familie an; Kinder werden als Angehörige eingetragen. Jordanien ist regional stabil, liegt aber in einer Nachbarschaft mit erheblichen Spannungen. Vor einem Umzug mit Kindern gehören die Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes zu Jordanien zur Pflichtlektüre, insbesondere zu Grenzregionen und zur aktuellen Lage.
Im Alltag ist Arabisch Amtssprache, Englisch in Amman weit verbreitet. Die medizinische Versorgung in der Hauptstadt hat einen guten Ruf und zieht Patienten aus der Region an. Wasser ist ein knappes Gut, was Wohnort und Nebenkosten beeinflusst.
Der Vergleich mit Deutschland, Österreich und der Schweiz
Deutschland setzt auf eine Präsenzschulpflicht der Länder, häuslicher Unterricht ist faktisch ausgeschlossen und Verstöße werden konsequent verfolgt. Österreich erlaubt häuslichen Unterricht nach Anzeige bei der Bildungsdirektion und verlangt jährlich eine Externistenprüfung. Die Schweiz regelt die Frage kantonal mit sehr unterschiedlichen Bewilligungspraktiken.
Jordanien liegt näher am deutschen als am österreichischen Muster, allerdings ohne dessen Kontrolldichte. Es fehlt nicht die Pflicht, sondern die geregelte Ausnahme. Wer das erkennt, plant von vornherein mit einer Schule oder einer Fernschule als formalem Träger und nutzt den Freiraum inhaltlich, nicht formal.
Geld, Steuern und Wegzugsfragen
Die steuerliche Seite solltest du vor dem Umzug klären. Angaben zur Steuerpflicht, zur Einkommensteuer und zu Firmensteuern findest du im Steueratlas zu Jordanien. Entscheidend ist zusätzlich die Abmeldeseite: Erst mit der vollständigen Aufgabe des Wohnsitzes im deutschsprachigen Raum endet dort die Schulpflicht, und erst dann greifen die Regeln des Ziellandes allein. Ein beibehaltener deutscher Wohnsitz macht Homeschooling im Ausland rechtlich angreifbar.
An der Abmeldung hängen Kindergeld und Krankenversicherung. Plane eine internationale Krankenversicherung ein und prüfe, ob Schulgebühren, Prüfungsgebühren und Rückflüge im Familienbudget realistisch abgebildet sind. Für internationale Kontoführung ist FreedomBanking ein guter Startpunkt.
So organisierst du den Lernalltag in Amman
Weil dir keine jordanische Behörde einen Rahmen vorgibt, musst du ihn selbst setzen. Bewährt hat sich ein fester Vormittagsblock für die prüfungsrelevanten Fächer und ein offener Nachmittag für Projekte, Sport und Sprache. Amman bietet dafür Museen, Sportvereine, Musikschulen und eine lebendige Kunstszene, dazu Ausflugsziele wie Jerash, das Tote Meer oder Petra, die sich gut in Sachunterricht einbauen lassen.
Arabisch ist der größte Gewinn, den Kinder aus einem Aufenthalt in Jordanien mitnehmen können. Zwei bis drei Stunden Sprachunterricht pro Woche mit einer lokalen Lehrkraft bringen innerhalb eines Jahres alltagstaugliche Kenntnisse. Ohne strukturierten Unterricht bleibt es dagegen bei Höflichkeitsfloskeln, weil im Umfeld internationaler Familien fast durchgehend Englisch gesprochen wird.
Material und Prüfungsvorbereitung
Deutschsprachige Familien arbeiten meist mit Lehrwerken deutscher Verlage, Fernschulmaterial und den Angeboten der Landesbildungsserver. Für den internationalen Weg sind die offiziellen Cambridge-Syllabi und frühere Prüfungsaufgaben die beste Grundlage, weil sie den Stoffumfang exakt definieren. Beginne die gezielte Prüfungsvorbereitung spätestens zwölf Monate vor dem Termin, dann bleibt Zeit für einen zweiten Anlauf in einzelnen Fächern.
Nützlich ist ein Lernportfolio pro Schuljahr: eine Seite Überblick, die Fächer und Themen, eine Liste gelesener Bücher, Fotos von Projekten und die Ergebnisse von Tests. Dieses Portfolio ersetzt kein Zeugnis, aber es macht Gespräche mit Schulen bei einem Wechsel deutlich einfacher.
Soziales Umfeld und typische Stolperfallen
Amman hat eine große internationale Gemeinschaft aus Diplomatie, Entwicklungszusammenarbeit und Wirtschaft. Der Vorteil ist ein dichtes Netz an Aktivitäten, der Nachteil eine hohe Fluktuation: Freundeskreise wechseln oft im Jahresrhythmus. Kinder brauchen deshalb mindestens eine Konstante außerhalb dieser Blase, etwa einen lokalen Sportverein oder eine Musikgruppe.
Die häufigste Fehlplanung betrifft den Zeithorizont. Familien starten mit einem Jahr, bleiben fünf und haben dann kein durchgängiges Zeugnisbild. Die zweite Fehlplanung ist die Annahme, ein Abschluss lasse sich am Ende nachholen. Prüfungssysteme verlangen Vorleistungen über mehrere Jahre, und wer zu spät einsteigt, verliert ein bis zwei Jahre.
Wenn Kinder die jordanische Staatsangehörigkeit haben
In binationalen Familien verändert sich die Lage grundlegend. Ein Kind mit jordanischem Pass unterliegt der zehnjährigen Pflichtgrundbildung uneingeschränkt, und für einen alternativen Bildungsweg fehlt der gesetzliche Rahmen. Prüfe deshalb früh, welche Staatsangehörigkeit im Familienbuch und im Personenstandsregister eingetragen ist und welche Konsequenzen sich daraus für Schulanmeldung, Wehrpflicht und Ausreise ergeben.
Auch für rein ausländische Familien gilt: Der Aufenthaltstitel des Kindes ist an den der Eltern gekoppelt. Ändert sich der Arbeitsvertrag, ändert sich der Status der ganzen Familie, und mit ihm die Frage, ob ein Schulplatz noch benötigt wird.
Ein weiterer Punkt ist die Anerkennung bereits erworbener Leistungen. Wer aus einer deutschen, österreichischen oder Schweizer Schule kommt, sollte die letzten Zeugnisse beglaubigen und ins Englische oder Arabische übersetzen lassen, bevor die Familie ausreist. Jordanische Privatschulen verlangen diese Unterlagen bei der Aufnahme, und im Nachhinein sind Beglaubigungen aus dem Ausland deutlich mühsamer zu beschaffen.
Wie du Jordanien richtig einschätzt
Jordanien ist kein Freilernerland, aber ein sehr gut ausgestatteter Bildungsstandort mit starkem Privatsektor und einer Verwaltung, die sich auf die eigenen Staatsbürger konzentriert. Für Familien, die inhaltliche Freiheit wollen und den formalen Rahmen über eine Fernschule oder eine Privatschule abbilden, funktioniert das gut. Für Familien, die eine gesetzliche Homeschooling-Erlaubnis suchen, gibt es sie dort nicht. Wenn du Wohnsitz, Aufenthalt und Steuerstatus zusammen aufsetzen willst, beginne mit einem Beratungsgespräch.





