Die Kontoeröffnung in Island ist der wohl reinste Fall dieser Reihe: Es gibt genau ein Nadelöhr, und wenn du hindurch bist, dauert der Rest eine halbe Stunde. Das Nadelöhr heißt Kennitala, die zehnstellige isländische Personennummer. Sie ist nicht bloß eine Steuernummer, sondern deine Identität im gesamten Land, von der Bank über den Arzt bis zum Mobilfunkvertrag. Ohne sie bist du für das isländische System schlicht nicht vorhanden.

Wohnsitzkonto und Auslandskonto trennen

Ein Konto in einem Land, in dem du nicht wohnst, ist ein Strukturinstrument: aus der Ferne eröffnet, auf Nichtansässigkeit ausgelegt, mit den Fragen im Hintergrund, ob dein Guthaben im europäischen Bankenregister und damit in Reichweite der Abwicklungsmechanik liegt und wie viele Meldewege deine Konten erzeugen. Diese Perspektive über rund 31 Jurisdiktionen bedient unsere Netzwerkseite FreedomBanking Plus.

Hier geht es um das Konto in deinem neuen Wohnsitzland. Du lebst in Reykjavík, Akureyri, Hafnarfjörður oder auf den Westfjorden, die Bank sieht dich als lokalen Privatkunden, und es geht um Miete, Heizkosten, Kartenzahlung und den Lohn, der auf ein isländisches Konto überwiesen werden muss. Island ist eines der bargeldlosesten Länder der Welt, und ohne isländisches Konto und isländische Karte wird der Alltag mühsam. Fast alle Zugezogenen behalten trotzdem ihr europäisches Konto, weil die isländische Krone eine kleine, schwankungsanfällige Währung ist.

Die Kennitala und die Falle, in die alle laufen

Die Kennitala vergibt Þjóðskrá Íslands, das nationale Melderegister. Der Weg dorthin hängt an deiner Staatsangehörigkeit.

  • Als EU- und EWR-Bürger brauchst du keine Aufenthaltserlaubnis. Du meldest bei Þjóðskrá deinen gesetzlichen Wohnsitz, das sogenannte lögheimili, an, sobald du länger als drei Monate bleibst, und bekommst die Kennitala im Rahmen dieser Anmeldung. Verlangt werden ein Nachweis der Unterkunft, ein Nachweis, dass du dich selbst versorgen kannst, also Arbeitsvertrag, Studienplatz oder ausreichende Mittel, sowie eine Geburtsurkunde in beglaubigter Form.

  • Als Drittstaatsangehöriger brauchst du zuerst eine Aufenthaltserlaubnis der Útlendingastofnun, der isländischen Ausländerbehörde. Die Kennitala folgt aus der erteilten Erlaubnis.

Die Falle liegt beim Nachweis, dass du dich selbst versorgen kannst. Sie erzeugt in der Praxis genau den Kreislauf, den ein Zuzügler im Februar 2025 im Thread Crying over Kennitala, Iceland beschreibt, sinngemäß übersetzt: „Um einen Job zu bekommen, brauche ich eine Kennitala. Um die Kennitala zu bekommen, brauche ich einen Arbeitsvertrag." In demselben Thread berichtet eine Person vom Weg über ein Antragsformular für eine vorläufige Nummer, das per E-Mail eingereicht wird. Beides sind Einzelerfahrungen, aber sie beschreiben ein reales Muster: Die Kennitala ist der Engpass, nicht die Bank.

Aufgelöst wird das üblicherweise über eine der drei folgenden Wege. Entweder du bringst den Arbeitsvertrag mit, weil dein künftiger Arbeitgeber die Nummer für dich beantragen kann. Oder du weist eigene Mittel nach und beantragst die Wohnsitzanmeldung selbst. Oder du bekommst zunächst eine sogenannte Systemkennitala für Menschen ohne gesetzlichen Wohnsitz, mit der einzelne Vorgänge möglich sind, die aber kein vollwertiger Ersatz ist. Für ein normales Girokonto mit Karte und Onlinebanking wollen die Banken die Kennitala mit angemeldetem Wohnsitz sehen.

Dass eine Kennitala auch ohne isländische Adresse beantragt werden kann, bestätigt eine Antwort im April 2025 im Thread How to create a bank account when not living in Iceland permanently?, sinngemäß übersetzt: „Du kannst eine Kennitala auch ohne isländische Adresse beantragen." Dieselbe Person warnt im gleichen Atemzug vor der Zinsillusion, sinngemäß übersetzt: „Sieben Prozent sind viel, aber es sind isländische Kronen, die in sieben Monaten fast acht Prozent gegenüber dem Euro geschwankt haben." Genau das ist der Punkt: Hohe Nominalzinsen auf Kroneneinlagen sind kein Geschenk, sondern die Prämie für das Wechselkursrisiko.

Das unterschätzen fast alle. Isländisches Onlinebanking, die Verwaltungsplattform des Staates und die meisten digitalen Dienste laufen über das elektronische Zertifikat von Auðkenni, das auf deiner SIM-Karte oder in einer App liegt. Dafür brauchst du eine isländische Mobilnummer und eine persönliche Identifizierung. Ohne dieses Zertifikat hast du zwar ein Konto, kommst aber an dein Onlinebanking nicht heran. Plane die isländische SIM-Karte deshalb vor dem Banktermin ein, nicht danach.

Was die Bank am Schalter verlangt

  • Reisepass oder Personalausweis

  • Kennitala, idealerweise mit angemeldetem gesetzlichen Wohnsitz

  • Adressnachweis, in der Regel über das Melderegister abgefragt

  • Arbeitsvertrag, Studienbescheinigung oder Nachweis eigener Mittel

  • isländische Mobilnummer für das elektronische Zertifikat

  • Herkunftsnachweis der Mittel bei größeren Ersteinzahlungen

  • Selbstauskunft zur steuerlichen Ansässigkeit mit deiner deutschen Steuer-Identifikationsnummer

Die persönliche Vorsprache ist Pflicht, dauert aber selten länger als eine halbe Stunde. Karte und Onlinebanking sind meist innerhalb weniger Tage aktiv. Wer über einen Job kommt, findet die Arbeitsseite im Leitfaden Arbeiten in Island, den Aufenthalt und die Wartezeit in der Krankenversicherung beschreibt Krankenversicherung in Island.

Kontoarten, Krone und Fremdwährung

Standard ist ein Girokonto in isländischen Kronen, dazu Sparkonten mit gebundener oder variabler Verzinsung. Fremdwährungskonten in Euro oder US-Dollar sind bei den großen Häusern möglich und seit der vollständigen Aufhebung der Kapitalverkehrskontrollen aus der Finanzkrise auch unproblematisch, im Alltag aber selten nötig. Wichtiger ist die grundsätzliche Entscheidung: Lohn und laufende Kosten in Kronen, Rücklagen besser außerhalb.

Island gehört zum Europäischen Wirtschaftsraum und damit zum SEPA-Raum. Euro-Überweisungen aus Deutschland laufen also zu Inlandskonditionen, was Island im Vergleich zu den meisten Zielen dieser Reihe deutlich entspannter macht. Wie du eine deutsche Rente sauber umleitest, zeigt Rente ins Ausland überweisen, die Länderperspektive steht unter Auswandern nach Island als Rentner.

Die Banken und die Fusion, die nicht stattfindet

  • Landsbankinn: die größte Bank des Landes mit dem dichtesten Filialnetz auch außerhalb der Hauptstadtregion, mehrheitlich in Staatsbesitz.

  • Íslandsbanki: seit Mai 2025 vollständig privatisiert, nachdem der Staat seinen letzten Anteil über die Börse verkauft hat. Für Zugezogene eine der zugänglichsten Adressen mit guter englischsprachiger Betreuung.

  • Arion banki: privat, stark im Hypotheken- und Anlagegeschäft, mit einer der besseren Apps.

  • Kvika banki: kleiner, ursprünglich auf Vermögensverwaltung ausgerichtet, inzwischen auch im Privatkundengeschäft. Und hier steht das wichtigste Rechercheergebnis dieses Artikels: Die im Juli 2025 angekündigte Fusion von Arion banki und Kvika banki ist am 15. April 2026 abgesagt worden, nachdem die isländische Wettbewerbsbehörde ihre Position vorgetragen hatte. Kvika bleibt eigenständig. Wer einen Ratgeber liest, der von einer bevorstehenden Verschmelzung der beiden ausgeht, liest einen überholten Stand.

  • indó: die junge isländische Digitalbank ohne Filialen, in den letzten Jahren gestartet und bei jüngeren Kunden beliebt. Für Zugezogene mit einfachem Bedarf eine echte Option, für komplexere Fälle nicht.

Revolut und Wise funktionieren in Island als Ergänzung, ersetzen aber kein isländisches Konto, weil Arbeitgeber Löhne auf ein inländisches Konto zahlen und weil viele Verwaltungsvorgänge an der Kennitala samt Kontoverbindung hängen.

Aufsicht, Geldwäscheprüfung und Islands Standing

Die Aufsicht über Banken und Versicherer liegt seit der Zusammenlegung im Jahr 2020 bei der Seðlabanki Íslands, der isländischen Zentralbank, in der die frühere eigenständige Finanzaufsicht aufgegangen ist. Die Steuerseite verwaltet Skatturinn.

Ein Kapitel, das viele überrascht: Island stand von Oktober 2019 bis Oktober 2020 selbst auf der grauen Liste der FATF, wegen Lücken bei Geldwäscheaufsicht und Transparenzregister. Die Streichung erfolgte am 23. Oktober 2020, nachdem das Land unter anderem ein Register wirtschaftlich Berechtigter eingeführt hatte. Nach dem Plenum vom 19. Juni 2026 steht Island weder auf der grauen noch auf der schwarzen Liste. Die damalige Episode erklärt allerdings, warum isländische Banken bis heute sehr genau nach der Herkunft größerer Beträge fragen. Rechne mit Rückfragen bei Beträgen, die in Deutschland niemanden interessiert hätten.

Was Island nach Deutschland meldet

Hier gibt es nichts zu deuteln. Island steht in der finalen Staatenaustauschliste des Bundesfinanzministeriums vom 8. Juni 2026, als Staat nach § 1 Absatz 1 Nummer 2 des Finanzkonten-Informationsaustauschgesetzes. Zum Stichtag 30. September 2026 fließen isländische Finanzkontendaten also automatisch an das Bundeszentralamt für Steuern. Wer nach Island zieht, sollte den steuerlichen Wegzug entsprechend sauber aufsetzen. Die Eckdaten stehen im Steueratlas zu Island, für Kryptowerte lies vorher Krypto-Steuern in Island.

Deine ersten Wochen in Island

  • Vor der Abreise: Geburtsurkunde beglaubigt und übersetzt besorgen, Arbeitsvertrag oder Nachweis eigener Mittel bereithalten, Kontoauszüge über sechs Monate mitnehmen.

  • Woche 1: Unterkunft sichern, Mietvertrag in der Hand haben, isländische SIM-Karte holen.

  • Woche 1 bis 3: Wohnsitz bei Þjóðskrá anmelden und Kennitala beantragen. Als Drittstaatsangehöriger vorher die Aufenthaltserlaubnis klären, das dauert deutlich länger.

  • Nach Erhalt der Kennitala: elektronisches Zertifikat aktivieren, danach Banktermin. Konto, Karte und Onlinebanking sind meist innerhalb einer Woche einsatzbereit.

  • Danach: Lohnzahlung, Versorger, Mobilfunk und Versicherungen auf das neue Konto umstellen. Wenn du kaufen statt mieten willst, lies vorher Immobilien in Island kaufen.

Realistisch bist du als EWR-Bürger zwei bis sechs Wochen nach Ankunft bankfähig, als Drittstaatsangehöriger deutlich später, weil die Aufenthaltserlaubnis den Takt vorgibt. Englisch reicht überall, Isländisch brauchst du im Bankgeschäft nicht.

Ablehnungen, Wegzug und was mit dem Konto passiert

Klassische Ablehnungen gibt es in Island selten, weil die Kennitala die eigentliche Prüfung ist. Was es gibt, sind eingeschränkte Konten für Menschen mit Systemkennitala ohne gesetzlichen Wohnsitz, Verzögerungen bei fehlender beglaubigter Geburtsurkunde und Rückfragen zur Mittelherkunft.

Beim Wegzug wird es interessant. Im Thread If I close my kennitala does my bank account close too? vom Mai 2024 antwortet eine Person auf die Sorge, mit der Abmeldung sei auch das Konto weg, sinngemäß übersetzt: „Du füllst bei Þjóðskrá ein Formular für den Wegzug aus. Deine Kennitala und dein Bankkonto behältst du." Eine andere Person im selben Thread berichtet dagegen aus Dänemark, dass ihr Konto nach dem Wegzug einige Monate später geschlossen wurde. Die belegbare Regel lautet: Die Kennitala bleibt bestehen, das Konto hängt aber an den Bedingungen deiner Bank, und die verlangt bei einem Wohnsitz im Ausland eine neue Einordnung als Nichtansässiger. Kläre das vor der Abmeldung mit deiner Filiale, nicht danach. Wer größere Beträge hält, sollte zusätzlich prüfen, ob eine Struktur außerhalb sinnvoll ist, wie sie auf Asset Protection Plus beschrieben wird.

Alles hängt an der Kennitala

Island ist bürokratisch schlank und trotzdem streng: Eine einzige Nummer entscheidet über alles, und wer sie hat, ist an einem Vormittag Bankkunde. Kläre deshalb zuerst den Wohnsitz und die Kennitala, hol dir gleich danach die isländische SIM-Karte und das elektronische Zertifikat, und wähle die Bank danach, wo du wohnst, denn außerhalb der Hauptstadtregion zählt das Filialnetz noch. Lass dich von hohen Kronenzinsen nicht blenden, halte Rücklagen in Euro, und behandle die Bankenlandschaft als in Bewegung, denn die geplante Verschmelzung von Arion und Kvika ist im April 2026 gescheitert. Wie sich Wegzug, Ansässigkeit und der richtige Zeitpunkt der Abmeldung verzahnen, klärst du im Beratungsgespräch zum Wegzug.