Die Wartezeit, die viele Auswanderer kalt erwischt
Die Krankenversicherung in Island hat eine Eigenheit, die du kennen musst, bevor du den Flug buchst: Nach der Anmeldung im Land wartest du grundsätzlich sechs Monate, bis dich das staatliche Gesundheitssystem aufnimmt. Wer aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz nach Island zieht, plant diese Lücke besser von Anfang an mit ein, sonst wird ein Klinikaufenthalt auf der Insel schnell fünfstellig teuer.
Die gute Nachricht: Als bisher Versicherter eines EU- oder EWR-Staats kannst du die Wartezeit mit dem richtigen Formular oft komplett vermeiden. Island gehört über den Europäischen Wirtschaftsraum zum koordinierten Sozialsystem der EU, deine Versicherungszeiten aus der Heimat sind also nicht verloren. Dieser Leitfaden erklärt dir das isländische System, die Kosten 2026 und die Absicherung, die du zusätzlich brauchst.
Steuerfinanziert statt Kassenbeiträge
Island betreibt ein steuerfinanziertes Gesundheitssystem nach nordischem Muster. Zuständig ist die staatliche Krankenversicherung Sjúkratryggingar Íslands (sjukra.is). Es gibt weder konkurrierende Krankenkassen noch eine Trennung in gesetzlich und privat: Alle Einwohner mit anerkanntem Wohnsitz sind über dieselbe Institution abgesichert. Feste Monatsbeiträge wie in Deutschland existieren nicht, die Finanzierung läuft über Steuern.
Die Versorgungsqualität gehört zu den besten Europas, konzentriert sich aber stark auf den Großraum Reykjavík mit dem Universitätskrankenhaus Landspítali. Komplett kostenlos ist das System nicht: Bei Arztbesuchen, Diagnostik und Medikamenten fallen Eigenanteile von etwa 15 bis 25 Prozent an. Ein jährlicher Kostendeckel begrenzt die Belastung, Kinder unter 18 sind weitgehend befreit, Rentner und Menschen mit Behinderung zahlen reduzierte Sätze. Zahnbehandlungen für Erwachsene trägst du dagegen überwiegend selbst.
Erste Anlaufstelle im Alltag sind die kommunalen Gesundheitszentren (Heilsugæsla), die Hausarztfunktion, Impfungen und Basisdiagnostik bündeln; von dort wirst du bei Bedarf an Fachärzte oder ans Krankenhaus überwiesen. Außerhalb der Hauptstadtregion sind die Wege lang, ernste Fälle werden nach Reykjavík oder per Ambulanzflug verlegt. Auch das spricht dafür, in den ersten Monaten keine Deckungslücke zu riskieren.
Die sechsmonatige Wartezeit und wie du sie verkürzt
Nach der Ankunft registrierst du deinen Wohnsitz beim Einwohnermeldeamt Þjóðskrá Íslands (Registers Iceland) und erhältst deine Kennitala, die persönliche Identifikationsnummer, ohne die in Island kein Mietvertrag, kein Bankkonto und kein Arztbesuch funktioniert. Erst mit dieser Anmeldung beginnt die sechsmonatige Frist, nach der dich Sjúkratryggingar Íslands in die staatliche Deckung aufnimmt. Den Antrag stellst du anschließend online über das Behördenportal island.is.
Zum Hintergrund: Als EWR-Bürger darfst du dich ohne Visum drei Monate frei in Island aufhalten. Für den dauerhaften Wohnsitz mit Kennitala erwartet das Land, dass du deinen Lebensunterhalt sichern kannst, typischerweise über einen Arbeitsvertrag, eine selbstständige Tätigkeit oder nachgewiesene Mittel. Erst diese Wohnsitzregistrierung öffnet die Tür zum Gesundheitssystem; ein Hotelaufenthalt oder eine touristische Verlängerung zählt nicht.
E 104: Deine Versicherungszeiten reisen mit
Warst du bisher in einem EU- oder EWR-Staat versichert, kannst du die Wartezeit ganz oder teilweise streichen lassen. Lass dir von deiner bisherigen Krankenkasse die Bescheinigung E 104 über deine Versicherungszeiten ausstellen und reiche sie bei Sjúkratryggingar Íslands ein. Werden die Zeiten anerkannt, beginnt dein Schutz mit der Wohnsitzanmeldung statt sechs Monate später. Beantrage das Dokument unbedingt vor der Abreise; die nachträgliche Beschaffung aus dem Ausland ist mühsam. Für Schweizer gilt über die EFTA-Abkommen eine vergleichbare Koordinierung.
EHIC: nur für Besuche, nicht für den Umzug
Solange du noch in Deutschland gemeldet bist, deckt die Europäische Krankenversicherungskarte medizinisch notwendige Behandlungen bei vorübergehenden Island-Aufenthalten ab, etwa bei der Wohnungssuche oder einem Probewinter. Als Faustregel deiner Kasse gelten dabei nur unmittelbar notwendige Leistungen, keine geplanten Eingriffe. Mit der Abmeldung des deutschen Wohnsitzes endet dieser Schutz; die EHIC ersetzt also zu keinem Zeitpunkt die Anmeldung im isländischen System.
Ohne Anerkennung: Überbrückung ist Pflichtprogramm
Klappt die Anrechnung nicht oder bleibt eine Restwartezeit, brauchst du für die Übergangsphase zwingend private Absicherung. Die EHIC deiner alten Kasse hilft nur bei vorübergehenden Aufenthalten und erlischt mit der Abmeldung im Heimatland. Internationale Krankenversicherungen kosten je nach Alter und Leistungsumfang etwa 80 bis 260 Euro monatlich und lassen sich oft flexibel für sechs bis zwölf Monate abschließen. Einen Überblick, welche Wege dir als Auswanderer grundsätzlich offenstehen, gibt der Beitrag Krankenversicherung beim Auswandern; passende Versicherungen für Expats und Nomaden haben wir separat zusammengestellt.
Was Behandlungen in Island kosten
Island ist eines der teuersten Länder Europas, und das gilt auch für Medizin. Ohne staatliche Deckung zahlst du für einen einfachen Arztbesuch schnell 80 bis 120 Euro, eine Blinddarmoperation liegt bei 10.000 bis 14.000 Euro. Auch mit staatlicher Deckung bleiben die genannten Eigenanteile pro Behandlung, gedeckelt durch den Jahreshöchstbetrag; wer diesen erreicht, erhält für den Rest des Jahres vergünstigte Sätze. Private Zusatzversicherungen isländischer Anbieter decken Lücken wie Zahn oder Physiotherapie ab, spielen aber eine kleinere Rolle als in Mitteleuropa. Für die ersten Monate wiegt deshalb die Überbrückungspolice schwerer als jede Zusatzoption.
Für Familien ist das System freundlich kalkuliert: Die Versorgung von Kindern und Jugendlichen ist weitgehend zuzahlungsfrei, Geburten sind über das staatliche System abgedeckt, und auch Medikamente werden über ein gestaffeltes Modell bezuschusst, bei dem dein Eigenanteil im Jahresverlauf sinkt. Voraussetzung ist immer, dass die Familie bereits im System angekommen ist. Ziehst du mit Kindern um, gilt die E-104-Logik für jedes Familienmitglied einzeln; lass dir die Bescheinigungen für alle ausstellen.
Arbeiten in Island: Pflichten und Pensionssystem
Als EWR-Bürger brauchst du keine Arbeitserlaubnis und hast freien Zugang zum Arbeitsmarkt. Wer in Island arbeitet, wird automatisch Teil des Sozialsystems; Steuern und Abgaben behält der Arbeitgeber direkt ein. Die Sätze sind hoch, dafür gehören die Löhne zu den höchsten Europas. Details zu Steuerpflicht und Tarifen findest du im Länderprofil Steuern in Island.
Bemerkenswert ist die Altersvorsorge: Neben der wohnsitzbasierten staatlichen Grundrente ist die betriebliche Vorsorge über Pensionsfonds für alle Erwerbstätigen verpflichtend. In die Fonds fließen mindestens 15,5 Prozent des Bruttolohns, davon 4 Prozent vom Arbeitnehmer und 11,5 Prozent vom Arbeitgeber. Die Fonds zahlen im Ernstfall auch Invaliditätsrenten, was einen Teil dessen abdeckt, was in Deutschland die Berufsunfähigkeitsversicherung leistet. Ansprüche auf die Grundrente entstehen ab drei Jahren Wohnsitz, volle Ansprüche nach 40 Jahren. Für kürzere Aufenthalte gilt: Die EWR-Koordinierung rechnet deine deutschen, österreichischen und isländischen Versicherungszeiten für Mindestversicherungszeiten zusammen.
Selbstständige und digitale Nomaden haben es schwerer: Ohne Arbeitgeber meldest du dich selbst bei den Behörden, zahlst deine Abgaben über die Steuerveranlagung und bist in den ersten sechs Monaten komplett auf deine private Police angewiesen. Entsandte Arbeitnehmer können mit der A1-Bescheinigung vorübergehend im deutschen System bleiben; kläre das vor dem Start mit deiner Krankenkasse und dem Arbeitgeber, denn rückwirkend lässt sich der Status kaum reparieren.
Ruhestand in Island: Rente, S1 und Steuern
Deine deutsche Rente wird problemlos nach Island gezahlt, auf Wunsch direkt auf ein isländisches Konto. Melde den Umzug rechtzeitig dem Rentenservice und kläre Auslandsfragen direkt bei der Deutschen Rentenversicherung. Als Bezieher einer gesetzlichen Rente beantragst du bei deiner Krankenkasse das Formular S1: Damit registrierst du dich bei Sjúkratryggingar Íslands und erhältst Zugang zum isländischen System, während deine deutsche Kasse zuständig bleibt und die sechsmonatige Wartezeit für dich keine Rolle spielt.
Österreicher wenden sich mit denselben Fragen an die Pensionsversicherung und die Österreichische Gesundheitskasse, Schweizer an die Schweizerische Ausgleichskasse; AHV-Renten werden ebenfalls nach Island ausgezahlt. Steuerlich regelt das jeweilige Doppelbesteuerungsabkommen mit Island, wer deine Rente besteuern darf. Welche Gestaltungen es dabei gibt und in welchen Ländern Renten besonders günstig behandelt werden, zeigt der Beitrag Rente im Ausland steuerfrei.
Pflichtversicherungen rund um Auto und Wohnung
- Kfz-Versicherung: Für jedes Fahrzeug sind eine Haftpflicht und eine Unfallversicherung für Fahrer und Halter gesetzlich vorgeschrieben. Wer Schotterpisten und Hochlandstrecken fährt, prüft zusätzlich Kasko-Bausteine für Steinschlag- und Unterbodenschäden.
- Brandversicherung: Immobilieneigentümer müssen ihr Gebäude gegen Feuer versichern. An diese Police ist automatisch die staatliche Naturkatastrophenversicherung gekoppelt, die Schäden durch Erdbeben, Vulkanausbrüche, Lawinen und Überschwemmungen abdeckt. In einem Land mit aktiven Vulkanen ist das keine Formalie.
- Hausrat und Privathaftpflicht: freiwillig, aber angesichts isländischer Preise sinnvoll. Viele Isländer bündeln beides in Familienpaketen lokaler Versicherer.
Der Markt dafür ist überschaubar und wird von einheimischen Versicherern wie VÍS, TM und Sjóvá geprägt, die ihre Produkte durchweg auch auf Englisch anbieten. Denk außerdem an deine Freizeitrisiken: Gletscherwanderungen, Hochlandtouren und Wintersport gehören in Island zum Alltag, sind aber in manchen Unfall- und Auslandspolicen als Risikosport eingeschränkt. Prüfe die Bedingungen, bevor du die erste Tour buchst, und achte bei internationalen Policen auf eine Such- und Bergungskostendeckung. Welche Policen für Expats generell auf die Liste gehören, vom Rücktransport bis zur Berufsunfähigkeit, fasst der Leitfaden Versicherungen für Expats im Ausland zusammen.
Deine Absicherung Schritt für Schritt
- Vor der Abreise: E 104 bei deiner Krankenkasse beantragen, EHIC mitnehmen, als Privatversicherter die Anwartschaft für eine spätere Rückkehr prüfen.
- Überbrückungs-Krankenversicherung abschließen, falls deine Versicherungszeiten nicht oder nur teilweise anerkannt werden.
- In Island den Wohnsitz bei Þjóðskrá anmelden, die Kennitala abwarten und den Antrag bei Sjúkratryggingar Íslands stellen.
- Nach der Aufnahme ins System den Zusatzschutz für Zahn, Reisen und gegebenenfalls Privatbehandlung ergänzen.
Rechne für die Vorbereitung etwa sechs Monate Vorlauf ein: Die Ausstellung der E 104 dauert je nach Kasse einige Wochen, die Bearbeitung bei Þjóðskrá und Sjúkratryggingar Íslands kommt hinzu. Island belohnt diese Sorgfalt: Wer Formular und Anmeldung sauber taktet, ist vom ersten Tag an abgesichert und spart sich teure Doppelversicherungen. Wenn du deinen Wegzug steuerlich und versicherungsseitig komplett durchplanen willst, buche ein Beratungsgespräch mit unserem Team.







