Island ist im Global Peace Index 2026 zum 19. Mal in Folge das friedlichste Land der Welt. Gewaltkriminalität ist selten, die Polizei ist im Streifendienst unbewaffnet, und Kinder können in Reykjavík allein zur Schule laufen. Wenn in Island Menschen zu Schaden kommen, dann fast immer durch Natur und Wetter. Genau darin liegt die Besonderheit: Die Sicherheitsfrage in Island ist keine Frage der Kriminalität, sondern des Respekts vor Umweltbedingungen, die europäische Zuzügler systematisch unterschätzen.
Kriminalität: die kurze Version
Die Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes für Island nennen ein niedriges Kriminalitätsniveau. Erwähnt wird Taschendiebstahl im Zentrum von Reykjavík und an stark besuchten Zielen des Golden Circle. Auch das österreichische BMEIA stuft die Lage als unproblematisch ein.
Zwei Themen relativieren das Bild ein wenig. In der Ausgehmeile Laugavegur kommt es an Wochenendnächten zu alkoholbedingten Auseinandersetzungen. Und die Zahl der Drogendelikte ist in den vergangenen Jahren gestiegen, was in einer Gesellschaft mit rund 400.000 Einwohnern schneller sichtbar wird als anderswo. Beides ändert nichts daran, dass du in Island praktisch keine defensive Alltagsstrategie brauchst.
Vulkanismus: die entscheidende Lagefrage
Seit Dezember 2023 erlebt die Reykjanes-Halbinsel im Südwesten eine Eruptionsserie am Spaltensystem Sundhnúkur. Zwischen Dezember 2023 und August 2025 gab es neun Ausbrüche, der letzte begann am 16. Juli 2025 und wurde am 5. August 2025 für beendet erklärt. Alle Eruptionen waren effusiv, also Lavaströme statt explosiver Ascheeruptionen, und blieben räumlich begrenzt.
Die Fischereistadt Grindavík wurde mehrfach evakuiert, ein Teil der Bebauung ist durch Erdspalten und Lava beschädigt. Die Blaue Lagune in unmittelbarer Nachbarschaft wird bei Aktivität kurzfristig geschlossen oder geräumt. Geologen gehen davon aus, dass diese episodische Aktivität über Jahre, möglicherweise Jahrzehnte anhalten wird. Das ist keine Ausnahmesituation mehr, sondern der neue Normalzustand der Halbinsel.
Reykjavík selbst und der Großteil des Landes sind von der Serie nicht betroffen. Betroffen ist ein eng begrenzter Korridor. Relevant wird das trotzdem für dich, weil der internationale Flughafen Keflavík auf derselben Halbinsel liegt. Bisher war der Flugbetrieb kaum beeinträchtigt, weil effusive Ausbrüche keine großflächigen Aschewolken erzeugen. Ein Ausbruch anderen Typs, etwa unter einem Gletscher, hätte andere Folgen. Der Ausbruch des Eyjafjallajökull von 2010 hat gezeigt, wie schnell das den europäischen Luftraum lahmlegt.
Wenn du eine Immobilie kaufst, kläre die Lage zu bekannten Spaltensystemen und die Versicherbarkeit über den staatlichen Naturkatastrophenfonds. In Grindavík hat der Staat Wohneigentum aufgekauft, das ist der Ausnahmefall und keine Regel, auf die du bauen solltest.
Wetter, Straßen und Hochland
Statistisch verunglücken in Island weit mehr Menschen im Verkehr und in der Natur als durch Vulkane. Die Gründe sind banal und wiederholen sich jedes Jahr:
- Viele Hochland- und Westfjordstraßen sind unbefestigt, erfordern Allradantrieb und sind im Winter unpassierbar. F-Straßen dürfen nur mit geeigneten Fahrzeugen befahren werden, ein Verstoß führt zum Verlust des Mietwagenversicherungsschutzes.
- Wetterumschwünge kommen binnen Minuten. Schneefall im Juli ist im Hochland möglich, Sturmböen können Autotüren abreißen, was ein häufiger und teurer Schadensfall ist.
- Furten sind nicht befahrbar, wenn der Wasserstand nach Regen steigt, und die Tiefe ändert sich täglich.
- An der Südküste, etwa am Strand von Reynisfjara, ziehen sogenannte Sneaker Waves regelmäßig Menschen ins Meer. Dort ist bereits mehrfach jemand ums Leben gekommen.
Die beiden Quellen, die du täglich prüfen solltest, sind SafeTravel für Straßen- und Warnlagen und der isländische Wetterdienst Vedur für Sturm-, Erdbeben- und Vulkanwarnungen. Der isländische Zivilschutz verschickt zudem SMS-Warnungen an alle eingebuchten Mobiltelefone in betroffenen Gebieten.
Sonnenfinsternis am 12. August 2026
Am 12. August 2026 ist in Teilen Islands eine totale Sonnenfinsternis zu sehen. Erwartet wird ein starker Besucherandrang mit Verkehrsbehinderungen vor allem im Westen des Landes und ausgebuchten Unterkünften. Wenn du in dieser Zeit umziehst oder Behördentermine hast, plane großzügig.
Gesundheit und Notruf
Das isländische Gesundheitssystem ist gut, aber dünn verteilt. Spezialisierte Versorgung konzentriert sich auf Reykjavík und Akureyri. Auf dem Land bedeutet ein Notfall lange Anfahrtswege, teilweise nur per Hubschrauber. Rettungseinsätze im Hochland sind aufwendig, deshalb ist eine Versicherung mit Bergungs- und Rückholkosten dringend anzuraten.
- Einheitliche Notrufnummer für alles: 112
- Die App "112 Iceland" überträgt deinen Standort und kann Tracking für Wanderungen aktivieren
- Krisenvorsorgeliste ELEFAND des Auswärtigen Amtes eintragen
Schweizer Staatsangehörige erreichen die Helpline EDA rund um die Uhr unter helpline@eda.admin.ch. Eine deutsche Botschaft in Reykjavík besteht, die österreichische und schweizerische Vertretung erfolgt teilweise über Nachbarländer, was im Notfall zu längeren Wegen führt.
Kosten, Aufenthalt und Alltag
Island gehört zum Europäischen Wirtschaftsraum und zum Schengen-Raum. Deutsche, österreichische und Schweizer Staatsangehörige dürfen einreisen und sich niederlassen, müssen sich aber bei Registers Iceland anmelden und eine Kennitala beantragen. Ohne diese Personenkennziffer bekommst du weder Konto noch Mietvertrag noch Arzttermin.
Das Preisniveau ist eines der höchsten Europas, besonders bei Lebensmitteln, Alkohol und Dienstleistungen. Wohnraum in Reykjavík ist knapp. Rechne realistisch mit deutlich höheren Lebenshaltungskosten als in Deutschland, Österreich oder der Schweiz und plane die ersten Monate mit einem Puffer. Zu Steuersätzen und Steuerpflicht findest du die Eckdaten im Steueratlas-Profil zu Island. Schweizer Auswanderer finden die steuerliche Gegenseite ihres Wegzugs im Beratungsgespräch zum Umzug in die Schweiz aufbereitet; für alle anderen Konstellationen ist das allgemeine Beratungsgespräch bei Wohnsitz Ausland der richtige Einstieg. Weitere Länderprofile findest du in unserer Übersicht zur Sicherheit im Ausland.
Winter, Dunkelheit und mentale Gesundheit
Ein Sicherheitsthema, das in Länderprofilen selten auftaucht, ist der isländische Winter. In Reykjavík geht die Sonne Ende Dezember gegen 11:20 Uhr auf und gegen 15:30 Uhr unter, im Norden ist die Phase noch kürzer. Dazu kommen anhaltender Wind, Nässe und lange Perioden ohne Sonnenlicht.
Für viele Zuzügler ist das im zweiten Winter schwieriger als im ersten, weil die anfängliche Faszination fehlt. Lichtmangel, soziale Isolation und die hohen Kosten sind die häufigsten Gründe, warum Auswanderer Island wieder verlassen, nicht Vulkane. Wer das einplant, kann gegensteuern: Tageslichtlampen, feste soziale Termine, Sport in der Halle und ein realistischer Blick auf die Rückkehroption.
Winterfahren in der Praxis
- Winterreifen mit Spikes sind von November bis April üblich und in vielen Regionen praktisch notwendig
- Die Ringstraße kann bei Sturm abschnittsweise gesperrt werden, teilweise für Tage
- Zwischen Ortschaften gibt es lange Abschnitte ohne Mobilfunkabdeckung
- Prüfe vor jeder Fahrt die Straßenlage und die Sturmwarnung, nicht nur die Wettervorhersage
- Führe warme Kleidung, Wasser und eine Powerbank im Auto mit, auch auf kurzen Strecken
Arbeit, Sprache und soziale Einbindung
Der isländische Arbeitsmarkt ist klein und stark saisonal geprägt, mit Schwerpunkten in Tourismus, Fischerei, Bau, Energie und einem wachsenden Technologiesektor. Englisch wird nahezu überall gesprochen, für qualifizierte Positionen außerhalb internationaler Unternehmen ist Isländisch aber oft Voraussetzung. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist sehr hoch, Tarifverträge decken praktisch den gesamten Arbeitsmarkt ab, und das schützt auch Zuwanderer wirksam vor Lohndumping.
Sozial ist Island offen, aber die Netzwerke sind familiär geprägt und gewachsen. Anschluss findest du am ehesten über Vereine, Chöre, Sport und die Schwimmbäder, die in Island die Funktion von Dorfplätzen erfüllen. Das ist kein Nebenthema: Ein tragfähiges soziales Netz ist in einem Land mit langen Wintern und wenigen Menschen ein echter Sicherheitsfaktor.
Vulkanische Gase und Wasserqualität
Bei Eruptionen entstehen Schwefeldioxid und andere Gase, die je nach Windrichtung bis nach Reykjavík ziehen können. Die Behörden veröffentlichen Prognosen zur Gasausbreitung. Bei erhöhten Werten sollten Menschen mit Asthma oder Herzerkrankungen Fenster geschlossen halten und Anstrengung im Freien vermeiden. Das Leitungswasser ist ausgezeichnet, das Warmwasser stammt aus geothermischen Quellen und riecht nach Schwefel, was unbedenklich ist.
Vorsicht ist bei Geothermalgebieten geboten: Der Boden kann brüchig sein, Wasser in Quelltöpfen erreicht Siedetemperatur, und jedes Jahr verunglücken Besucher, die Absperrungen ignorieren. Halte dich an markierte Wege, das ist keine Formalie, sondern der Unterschied zwischen einem Foto und einer Verbrennung dritten Grades.
Lohnt sich Island trotz Vulkanen
Island bietet ein Sicherheitsniveau, das in Europa seinesgleichen sucht, und ein Naturrisiko, das du ernst nehmen musst. Die gute Nachricht: Das Naturrisiko ist gut überwacht, gut kommuniziert und im Alltag beherrschbar, wenn du Warnungen liest und akzeptierst. Die schlechte: Es lässt sich nicht wegorganisieren, und wer aus Bequemlichkeit über Absperrungen steigt oder bei Sturmwarnung ins Hochland fährt, bringt sich in echte Lebensgefahr. Die häufigste Todesursache für Ausländer in Island ist Selbstüberschätzung, nicht Vulkanismus.







