Großbritannien bleibt für deutschsprachige Auswanderer eines der zugänglichsten Ziele außerhalb der EU, weil Sprache, Rechtssystem und Arbeitsmarkt vertraut wirken. Die Sicherheitslage 2026 ist allerdings differenzierter, als es die Schlagzeilen nahelegen. Die Terrorbedrohungsstufe wurde am 30. April 2026 landesweit auf Stufe 4 von 5 angehoben, die entspricht der Kategorie "severe" und bedeutet, dass ein Anschlag als sehr wahrscheinlich gilt. Gleichzeitig ist die Messerkriminalität im letzten Berichtsjahr deutlich gesunken. Beides gehört in dieselbe Lagebewertung.
Die offizielle Einstufung
Die Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes zum Vereinigten Königreich enthalten keine Reisewarnung, wohl aber einen Hinweis auf die erhöhte Terrorstufe und die Aufforderung zu besonderer Wachsamkeit an Verkehrsknoten und in Menschenmengen. Die offiziellen Stufen und ihre Bedeutung veröffentlicht die britische Regierung unter Terrorism threat levels. Das österreichische BMEIA teilt diese Einschätzung.
Messerkriminalität: die Zahlen im Kontext
Kaum ein Thema prägt das Bild von Großbritannien im deutschsprachigen Raum so stark wie Messerangriffe. Die aktuellen Zahlen für England und Wales:
- Im Jahr bis Dezember 2025 erfasste die Polizei 49.151 Straftaten mit Messern oder scharfen Gegenständen. Das sind rund zehn Prozent weniger als die 54.548 Fälle im Jahr bis Dezember 2024.
- Die Tötungsdelikte mit Messern fielen um 21 Prozent von 217 auf 172 Fälle. Das ist der niedrigste Wert seit Beginn dieser Datenreihe im Jahr 1977.
- London stellt rund 31 Prozent aller Fälle bei einem Bevölkerungsanteil von etwa 14 Prozent.
Der Trend zeigt also nach unten, das absolute Niveau bleibt aber hoch, und die Konzentration auf London ist erheblich. Betroffen sind ganz überwiegend junge Männer in bestimmten Stadtteilen, die in Bandenstrukturen eingebunden sind. Als zugezogener Berufstätiger oder Familie bewegst du dich statistisch in einem anderen Risikoraum. Das ist keine Entwarnung, aber eine wichtige Einordnung.
Alltagskriminalität in den Städten
Die praktisch relevanten Delikte sind andere. Das Auswärtige Amt hebt hervor, dass in Großstädten vermehrt Mobiltelefone von auf Fahrrädern oder Rollern vorbeifahrenden Tätern entrissen werden. In London ist das ein Massenphänomen, betroffen sind vor allem Oxford Street, Westminster, Camden und die Bahnhofsumgebungen. Dazu kommen Taschendiebstahl in der Underground, Trickbetrug an Geldautomaten und Fahrraddiebstahl in großem Stil.
Konkrete Gegenmaßnahmen, die tatsächlich wirken: Telefon nicht am Straßenrand in der Hand halten, keine Navigation im Gehen an Hauptstraßen, Wertsachen nicht in Außentaschen, und bei Diebstahl sofort die IMEI sperren lassen. Die polizeiliche Aufklärungsquote bei Handyraub ist niedrig, die Prävention ist deshalb der einzig wirksame Hebel.
Nach Messerangriffen mit Todesfolge kam es in den vergangenen Jahren mehrfach zu Ausschreitungen, teils mit fremdenfeindlichem Hintergrund. In Nordirland ist zusätzlich die Marching Season von Mitte Juni bis Mitte August eine Phase, in der es zu gewaltsamen Zusammenstößen kommen kann. Wenn du in Belfast oder Derry lebst, gehört die Kenntnis der lokalen Routen und Termine zur Grundvorsorge. Eine Übersicht weiterer Zielländer findest du in unserer Länderübersicht zur Sicherheit im Ausland.
Einreise und Aufenthalt: was sich seit dem Brexit geändert hat
Deutsche, österreichische und schweizerische Staatsangehörige benötigen seit 2025 für jede Einreise eine Electronic Travel Authorisation (ETA). Sie kostet 20 GBP, wird über die offizielle App oder die Website beantragt und braucht mindestens drei Tage Bearbeitungszeit. Die Details stehen auf der Regierungsseite zur Electronic Travel Authorisation. Der Personalausweis wird für die Einreise nach Großbritannien nicht mehr akzeptiert, mit Ausnahme von Gibraltar. Der Reisepass muss über den gesamten Aufenthalt gültig sein.
Die ETA ist keine Aufenthaltserlaubnis. Wer arbeiten, studieren oder dauerhaft bleiben will, braucht ein Visum aus dem Punktesystem. Was das im Einzelnen bedeutet, hat unsere Kanzlei St Matthew in mehreren Beiträgen aufgearbeitet: einen Überblick über die Visumsarten für die Auswanderung nach England, eine Darstellung der erforderlichen Schritte und Voraussetzungen sowie eine Zusammenstellung der wichtigsten Schritte für die Auswanderung nach England. Ergänzend behandelt der Beitrag zu den Voraussetzungen einer Auswanderung nach England die praktischen Nachweispflichten.
Der Brexit als dauerhafter Rahmen
Die Freizügigkeit ist endgültig weg, und das prägt jede Planung. Wie sich die Bedingungen seit dem Austritt verschoben haben, zeigen die Analysen zu den neuen Bedingungen für Auswanderer seit dem Brexit, zu den neuen Herausforderungen im Post-Brexit-Zeitalter und zu den geänderten Voraussetzungen für Auswanderer. Weitere Einordnungen liefern die Beiträge zu den Voraussetzungen im Post-Brexit-Zeitalter, zu den neuen Möglichkeiten trotz Brexit, zu den Wegen für Deutsche trotz Brexit-Hürden sowie zu Chancen und Herausforderungen für EU-Bürger. Wie sich die praktischen Hürden für Umzug und Arbeit auswirken, beschreibt zudem der Beitrag zu den Brexit-Regeln beim Umzug und Arbeiten in Großbritannien und die Darstellung zum britischen Einwanderungsrecht nach dem Brexit.
Berufsgruppen mit besonderen Bedingungen
Für medizinisches Personal ist Großbritannien weiterhin ein aktiver Zuwanderungsmarkt, allerdings mit eigenen Arbeitsbedingungen und Anerkennungsverfahren. Der Beitrag zur ärztlichen Karriere in Großbritannien geht auf die Realität im NHS ein. Wer gezielt in die Hauptstadt will, findet in der Darstellung zu Chancen und Herausforderungen in London die Kostenseite. Für den Ruhestand gelten wieder andere Regeln, die der Beitrag zum Ruhestand in England für deutsche Rentner aufschlüsselt. Ein reines Rentnervisum existiert im britischen System nicht, das ist der Punkt, an dem die meisten Ruhestandspläne scheitern.
Gesundheit, Notruf und Absicherung
Der NHS ist für Menschen mit ordinarily resident status kostenfrei zugänglich, die Wartezeiten für planbare Eingriffe sind allerdings lang. Wer mit einem Visum einreist, zahlt in der Regel den Immigration Health Surcharge zusätzlich zur Visumsgebühr. Eine private Zusatzversicherung ist in der Praxis keine Luxusentscheidung, sondern der Unterschied zwischen Wochen und Monaten Wartezeit.
- Notruf für Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst: 999 oder 112
- Polizei ohne akuten Notfall: 101
- NHS-Beratung bei nicht lebensbedrohlichen Beschwerden: 111
- Krisenvorsorgeliste ELEFAND des Auswärtigen Amtes eintragen
Steuern und Vermögensfragen
Das britische Steuerrecht hat sich für Zuzügler grundlegend verändert, seit das alte Non-Dom-Regime abgeschafft und durch ein aufenthaltsbasiertes System ersetzt wurde. Die aktuellen Eckdaten zu Einkommen-, Körperschaft- und Kapitalertragsteuer findest du im Steueratlas-Profil zum Vereinigten Königreich. Für die deutsche Seite deines Wegzugs, insbesondere die Wegzugsbesteuerung bei Anteilen an Kapitalgesellschaften, ist ein Beratungsgespräch zum Umzug nach Großbritannien der schnellste Weg zu einer belastbaren Einschätzung.
Regionale Unterschiede innerhalb des Vereinigten Königreichs
Die Sicherheitslage unterscheidet sich zwischen den Landesteilen deutlich, und die Rechtssysteme ebenfalls. Schottland hat ein eigenes Rechts-, Bildungs- und Gesundheitssystem und weist bei Gewaltdelikten seit Jahren rückläufige Zahlen auf; das Glasgower Modell der Gewaltprävention gilt international als Vorbild und wird inzwischen in England kopiert. Wales liegt insgesamt unter dem englischen Durchschnitt.
Nordirland ist der Sonderfall. Die Gewaltkriminalität ist niedrig, aber es bestehen paramilitärische Reststrukturen, die Schutzgeld erheben und in bestimmten Vierteln soziale Kontrolle ausüben. Wohnviertel in Belfast und Derry sind bis heute konfessionell klar getrennt, was für Zugezogene zunächst unsichtbar ist und bei der Wohnungswahl bewusst berücksichtigt werden sollte.
Wohnkosten als Sicherheitsfrage
In britischen Städten korrespondiert die Kriminalitätsbelastung eines Viertels ziemlich präzise mit dem Mietniveau. Das macht die Wohnungssuche zur wichtigsten Sicherheitsentscheidung und gleichzeitig zur teuersten. In London liegen die Mieten für eine Zweizimmerwohnung in halbwegs zentralen Lagen weit über dem Niveau deutscher Großstädte, und Nebenkosten sowie Council Tax kommen obendrauf.
Praktisch nützlich sind die frei zugänglichen Kriminalitätskarten der britischen Polizei, die deliktgenau bis auf Straßenzugebene aufgeschlüsselt sind. Bevor du einen Mietvertrag unterschreibst, solltest du die Adresse dort prüfen und dir zusätzlich die Umgebung abends ansehen. Ein Viertel kann tagsüber völlig unauffällig wirken und nachts ein anderes Bild bieten.
Familien, Schule und Betreuung
Das Schulsystem ist qualitativ sehr unterschiedlich, und die staatlichen Schulen werden nach Einzugsgebiet zugewiesen. Die Ofsted-Bewertungen sind öffentlich und beeinflussen die Mietpreise im Einzugsgebiet direkt. Kinderbetreuung gehört zu den teuersten in Europa, was für Familien mit zwei berufstätigen Elternteilen ein erheblicher Kostenblock ist.
Für Kinder ist die Sicherheitslage in Schulen unauffällig, das eigentliche Thema ist der Schulweg in Städten mit hoher Messerkriminalität. Viele Londoner Schulen arbeiten mit gestaffelten Entlassungszeiten und Begleitung, um Konfliktsituationen zu entschärfen.
Was Zuzügler regelmäßig unterschätzen
- Ohne britische Kredithistorie bekommst du zunächst weder Handyvertrag noch Mietvertrag ohne Vorauszahlung
- Der Nachweis des Right to Rent wird von Vermietern eingefordert und muss digital über den Share Code erbracht werden
- Der Immigration Health Surcharge fällt zusätzlich zur Visumsgebühr an und wird für die gesamte Visumsdauer vorab bezahlt
- Die Sommerzeitumstellung, die Steuerjahresgrenze im April und das abweichende Schuljahr verschieben Fristen gegenüber dem deutschsprachigen Raum
Wie du das Risiko für dich einordnest
Großbritannien ist kein unsicheres Land, sondern ein Land mit ausgeprägten regionalen Unterschieden. Deine tatsächliche Sicherheit hängt stärker vom Stadtteil ab als von der Landesstatistik, und die Preisunterschiede zwischen Stadtteilen bilden diese Unterschiede ziemlich genau ab. Wer den Wohnort sorgfältig wählt, lebt in Großbritannien so sicher wie in vergleichbaren deutschen Großstädten. Was du nicht wegwählen kannst, sind die erhöhte Terrorstufe und die Kosten, und beides gehört ehrlich in die Entscheidung.






