Homeschooling in Großbritannien ist eines der letzten großen Freiheitsversprechen im europäischen Bildungsrecht: Kein Lehrplan, keine Genehmigung, keine Prüfungspflicht. Genau dieses Modell steht 2026 vor der größten Änderung seit Jahrzehnten. Das Parlament hat ein landesweites Register für Kinder eingeführt, die keine Schule besuchen. Für Familien aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bleibt der Weg offen, er wird aber sichtbarer und dokumentierter. Dieser Leitfaden erklärt dir die geltende Rechtslage, die kommenden Pflichten und die Unterschiede zwischen England, Schottland, Wales und Nordirland.

Die gesetzliche Grundlage: Section 7 Education Act 1996

Der Kern des englischen Rechts ist ein einziger Satz. Nach Section 7 des Education Act 1996 müssen Eltern dafür sorgen, dass ihr Kind im schulpflichtigen Alter eine effiziente Vollzeitbildung erhält, die zu Alter, Fähigkeit und Begabung passt, und zwar entweder durch regelmäßigen Schulbesuch oder auf andere Weise. Diese vier Worte, "or otherwise", sind die rechtliche Basis der elective home education, kurz EHE.

Daraus folgt der entscheidende Unterschied zu Deutschland: In England gilt eine Bildungspflicht, keine Schulbesuchspflicht. Das schulpflichtige Alter reicht in England vom fünften bis zum sechzehnten Geburtstag, genauer bis zum letzten Freitag im Juni des Schuljahres, in dem das Kind 16 wird. Danach greift bis 18 die Pflicht zu Ausbildung oder Weiterbildung, die auch außerschulisch erfüllt werden kann. Einen vorgeschriebenen Lehrplan gibt es für Homeschooler nicht, das National Curriculum bindet nur staatliche Schulen.

War dein Kind bereits an einer englischen Schule eingeschrieben, teilst du der Schule schriftlich mit, dass du zu Hause unterrichtest. Die Schule streicht das Kind aus dem Register und informiert die local authority. War dein Kind nie an einer Schule angemeldet, etwa weil ihr direkt aus dem deutschsprachigen Raum zuzieht, bestand bisher keine Meldepflicht. Genau hier setzt die Reform an. Bei Sonderschulbedarf gilt eine wichtige Ausnahme: Kinder an einer special school benötigen die Zustimmung der local authority, bevor sie zum Hausunterricht wechseln dürfen.

Der Children's Wellbeing and Schools Act 2026

Der Children's Wellbeing and Schools Act 2026 hat am 29. April 2026 die königliche Zustimmung erhalten und ist als Kapitel 21 in Kraft gesetzt worden. Der für Homeschooler entscheidende Teil steht unter der Überschrift "Children Not in School" und verpflichtet jede local authority in England und Wales, ein Register aller Kinder zu führen, die nicht zur Schule gehen. Eltern müssen dafür Angaben liefern, unter anderem zum Aufenthaltsort des Kindes und zum Umfang der Bildung, die andere Personen erbringen.

Zwei Punkte solltest du realistisch einordnen. Erstens: Die Registerregelungen sind bislang nicht in Kraft gesetzt worden. Sie treten erst in Kraft, wenn die Regierung die zugehörigen Verordnungen und Leitlinien erlässt, mit einem Start wird nicht vor 2027 gerechnet. Zweitens: Das Register ist kein Genehmigungsvorbehalt. Homeschooling bleibt erlaubt, es wird lediglich erfasst. Neu ist außerdem eine Zustimmungspflicht der Behörde für Kinder, die Gegenstand einer Kinderschutzuntersuchung sind oder unter einem Kinderschutzplan stehen. Den amtlichen Einstieg mit Kontakt zu deiner zuständigen Behörde findest du bei GOV.UK zum Thema Educating your child at home.

Was die local authority heute schon darf

Auch ohne Register hat die Behörde Werkzeuge. Erscheint die Bildung nicht angemessen, kann sie eine informelle Anfrage stellen, danach eine formelle school attendance order erlassen, die das Kind zum Schulbesuch verpflichtet. Ein Hausbesuch ist dagegen freiwillig. Viele Familien reichen stattdessen einen schriftlichen Bericht mit Lernzielen, Materialien und Arbeitsproben ein. Eine saubere Dokumentation ist dein bester Schutz, gerade wenn du als Zugezogener sprachlich noch nicht ganz sattelfest bist.

Regionale Unterschiede: nicht überall gilt englisches Recht

Großbritannien ist bildungsrechtlich kein einheitlicher Raum. In Schottland brauchst du die Zustimmung der Kommune, wenn dein Kind bereits eine öffentliche Schule besucht hat und du es herausnehmen willst. Ohne diese Zustimmung ist die Abmeldung rechtswidrig. Ist dein Kind nie an einer schottischen Schule angemeldet gewesen, entfällt die Zustimmung. In Wales gilt die englische Grundnorm, das neue Register erfasst Wales ausdrücklich mit. Nordirland kennt ein eigenes Verfahren über die Education Authority. Wer eine Immobilie sucht, sollte diese Unterschiede vor der Standortwahl klären, nicht danach.

Abschlüsse: GCSE und A-Level als externe Kandidaten

Homeschooler in Großbritannien machen ihre Abschlüsse als private candidates. Du meldest dein Kind bei einem Prüfungszentrum an, das GCSE und A-Level abnimmt, und bezahlst die Prüfungsgebühren selbst. Beides sind international anerkannte Qualifikationen, die den Weg an britische und europäische Universitäten öffnen. Plane die Anmeldung bei einem Prüfungszentrum mindestens ein Jahr im Voraus, weil die Plätze für externe Kandidaten begrenzt sind und nicht jedes Zentrum jedes Fach anbietet.

Für die Rückkehroption ins deutschsprachige Schulsystem ist das relevant: Ein britischer Abschluss lässt sich anerkennen, ein undokumentiertes Freilernjahr dagegen kaum. Wie Familien das praktisch lösen, zeigt unser Fallbeispiel zum Homeschooling.

Flexi-Schooling als Zwischenweg

Wenig bekannt, aber in England möglich: das flexi-schooling. Dein Kind bleibt an einer Schule eingeschrieben und besucht sie an festgelegten Tagen, an den übrigen Tagen unterrichtest du zu Hause. Die Schule muss zustimmen, einen Rechtsanspruch gibt es nicht, und die Bereitschaft schwankt stark zwischen den Schulen. Für zugezogene Familien ist das Modell attraktiv, weil es Sprachkontakt und soziale Anbindung liefert, ohne den Alltag komplett an einen Stundenplan zu binden. Frag konkret nach, bevor du dich für einen Wohnort entscheidest, denn die Antwort fällt von Schule zu Schule unterschiedlich aus.

Kosten und Gemeinschaft

Homeschooling in Großbritannien ist nicht kostenlos, aber planbar. Es gibt keine staatliche Förderung für Familien im Hausunterricht, weder für Material noch für Prüfungsgebühren. Rechne pro GCSE-Fach mit einer dreistelligen Gebühr beim Prüfungszentrum, dazu Lehrwerke, Onlinekurse und Fahrtkosten. Dem stehen ein sehr dichtes Netz an Selbsthilfegruppen, Lerncoops und regionalen Treffen gegenüber, das in Großbritannien seit Jahrzehnten gewachsen ist. In vielen Regionen findest du wöchentliche Gruppen, Museums- und Sportangebote zu Sondertarifen für home educators sowie erfahrene Familien, die den Ablauf mit der local authority kennen. Der Anschluss an eine lokale Gruppe ist praktisch der schnellste Weg zu belastbaren Informationen und ersetzt drei Abende Recherche.

Praxis für Zuzügler aus dem deutschsprachigen Raum

Nach dem Brexit sind EU-Bürger keine Freizügigkeitsberechtigten mehr. Für den Umzug brauchst du ein Visum, in der Regel über Arbeit, Selbstständigkeit oder Familienzusammenführung. Unsere Kanzlei St Matthew hat die Anforderungen in mehreren Beiträgen aufbereitet: von den neuen Voraussetzungen im Post-Brexit-Zeitalter über die wichtigen Schritte für die Auswanderung nach England bis zur Familienperspektive in Auswandern nach England mit Kindern. Für Schweizer Familien lohnt der Blick in den Beitrag zu den Chancen und Herausforderungen für Schweizer Auswanderer.

Viele Familien kombinieren den britischen Rechtsrahmen mit einer akkreditierten Fernschule. Die Grundlagen dazu findest du in unserem Leitfaden zu Homeschooling, Hausunterricht und Online-Schule sowie in der Übersicht Schulpflicht umgehen: freies Lernen und Homeschooling. Ergänzend erklären die Beiträge zur Online-Schule im Ausland, zu allem rund um Online-Schule und Homeschooling und der Unterschiedsvergleich Homeschooling oder Online-Schule, welche Variante zu deiner Familie passt. Wer noch Länder vergleicht, findet in den ausführlichen Informationen zu Homeschooling im Ausland die Übersicht, ergänzt um die Einordnung unserer Kanzlei St Matthew zu den Möglichkeiten des Homeschoolings im Ausland.

Steuern und Wohnsitz

Steuerlich ist Großbritannien für Zuzügler seit der Abschaffung des alten Non-Dom-Regimes neu sortiert. Das aktuelle Regime für neu Zuziehende, die Behandlung ausländischer Einkünfte und die Fristen sind in unserer Länderübersicht Großbritannien Steuern zusammengefasst. Der Steuerstatus hängt am Tag deines Zuzugs, nicht am Schuljahresbeginn, deshalb sollte die Reihenfolge stimmen. Wenn du beides zusammen planen willst, nutze das Beratungsgespräch zum Umzug nach Großbritannien.

Dein nächster Schritt nach Großbritannien

Großbritannien bleibt eines der wenigen Länder Europas, in dem du dein Kind ohne Genehmigung und ohne Lehrplan zu Hause unterrichten darfst. Die kommende Registerpflicht ändert daran nichts Grundsätzliches, sie verschiebt aber die Beweislast: Wer dokumentiert, hat Ruhe, wer improvisiert, bekommt Post. Bereite deshalb schon jetzt eine schlichte Bildungsdokumentation vor, Lernziele pro Fach, Materialien, Arbeitsproben, drei Absätze pro Halbjahr genügen.

Kläre parallel das Visum, den Wohnort mit Blick auf die jeweilige Landesteilregelung und ein Prüfungszentrum in erreichbarer Nähe. Bildungsfreiheit ist in Großbritannien real, aber sie will organisiert sein. Wer diese drei Bausteine vor dem Umzug abhakt, startet ohne Reibungsverluste.