Homeschooling in Frankreich heißt instruction en famille, kurz IEF, und es ist eine der meistmissverstandenen Rechtslagen Europas. Frankreich erlaubt Hausunterricht weiterhin, aber seit dem Schuljahr 2022/23 nicht mehr auf bloße Anzeige hin, sondern nur mit vorheriger Genehmigung der Schulbehörde. Diese Genehmigung wird ausschließlich aus vier gesetzlich definierten Gründen erteilt. Wer aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz zuzieht und einfach loslegt, riskiert eine Anordnung zur Einschulung. Dieser Leitfaden zeigt dir, welche Motive tragen, wann das Antragsfenster offen ist und was bei den Kontrollen passiert.
Die Rechtslage 2026: vom Anzeige- zum Genehmigungsregime
Der Bruch kam mit dem Gesetz Nr. 2021-1109 vom 24. August 2021 zur Stärkung der republikanischen Prinzipien. Artikel 49 dieses Gesetzes stellte die instruction en famille von einer schlichten Erklärung auf ein Genehmigungsverfahren um, wirksam ab dem Schuljahr 2022/23. Seither entscheidet der DASEN, der directeur académique des services de l'éducation nationale deines Departements, über jeden einzelnen Antrag.
Der zweite wichtige Punkt betrifft das Alter. Die Bildungspflicht in Frankreich gilt von 3 bis 16 Jahren, seit der Absenkung des Einschulungsalters im Jahr 2019. Danach schließt sich bis 18 eine Pflicht zu Ausbildung, Studium oder Beschäftigung an. Die vollständige amtliche Darstellung des Verfahrens findest du beim französischen Verwaltungsportal Service-Public zur instruction dans la famille.
Ein Antrag hat nur Aussicht auf Erfolg, wenn er sich auf eines dieser Motive stützt:
- Gesundheitszustand oder Behinderung des Kindes, belegt durch ärztliche Unterlagen.
- Intensive sportliche oder künstlerische Praxis, etwa Leistungssport oder Musikausbildung auf hohem Niveau.
- Wanderleben der Familie in Frankreich oder geografische Entfernung von jeder erreichbaren Schule.
- Eine besondere Situation des Kindes, die ein schriftlich ausgearbeitetes Bildungsprojekt rechtfertigt.
Das vierte Motiv ist das, auf das sich die meisten deutschsprachigen Familien stützen, und zugleich das mit der höchsten Ablehnungsquote. Es verlangt ein projet éducatif: eine schriftliche Darlegung der pädagogischen Ziele, der Methoden, der Materialien und des Zeitplans, dazu den Nachweis, dass die unterrichtende Person das Projekt tatsächlich umsetzen kann. Eine allgemeine Kritik am Schulsystem oder eine weltanschauliche Begründung reicht nicht.
Antragsfenster und Geltungsdauer
Der Antrag läuft über die Plattform démarches simplifiées und muss zwischen dem 1. März und dem 31. Mai für das folgende Schuljahr eingereicht werden. Anträge außerhalb dieses Fensters sind nur möglich, wenn der Grund erst danach entstanden ist, etwa bei einem Umzug oder einer plötzlichen Erkrankung. Für Zuziehende ist das der kritische Punkt: Wer im Sommer nach Frankreich zieht, hat das reguläre Fenster verpasst und muss den nachträglichen Antrag sauber begründen. Die Genehmigung gilt grundsätzlich für ein Schuljahr; je nach Motiv sind bis zu drei aufeinanderfolgende Schuljahre möglich, bei Leistungssport und Wanderleben dagegen nur ein Jahr mit jährlicher Erneuerung.
Kontrollen: pädagogisch und kommunal
Frankreich kontrolliert konsequent, und zwar auf zwei Ebenen. Die pädagogische Kontrolle übernimmt ein Inspektor der académie. Sie findet mindestens einmal pro Jahr statt und beginnt innerhalb von drei Monaten nach Erteilung der Genehmigung. Geprüft wird, ob das Kind die Kenntnisse erwirbt, die dem gemeinsamen Sockel an Wissen und Kompetenzen entsprechen, nicht ob es einem bestimmten Lehrplan folgt.
Daneben führt die Bürgermeisterei eine soziale Erhebung durch, im ersten Jahr und danach alle zwei Jahre bis zum 16. Geburtstag. Sie klärt, aus welchen Gründen das Kind nicht zur Schule geht und ob ihm eine angemessene Erziehung zuteilwird.
Was bei einem negativen Ergebnis passiert
Fällt die erste Kontrolle negativ aus, folgt eine zweite. Fällt auch diese negativ aus, ordnet der DASEN die Einschulung an, und zwar innerhalb von 15 Tagen. Wer dieser Anordnung nicht folgt, bewegt sich im Strafrecht: Das französische Recht sieht dafür bis zu sechs Monate Haft und 7.500 Euro Geldstrafe vor. Das ist kein theoretisches Risiko, sondern der ausdrückliche Wortlaut des Gesetzes, weshalb du die Kontrolltermine ernst nehmen solltest.
Praktische Vorbereitung für deutschsprachige Familien
Der Antrag ist auf Französisch zu stellen, und die Kontrolle findet auf Französisch statt. Das ist die größte praktische Hürde für Zuziehende. Zwei Konsequenzen folgen daraus: Erstens gehört Französisch als Unterrichtsfach in jedes projet éducatif, zweitens lohnt sich Unterstützung bei der Formulierung des Antrags. Ein gut strukturierter Antrag nennt pro Fach Ziele, Materialien, Zeitbudget und Bewertungsformen und bleibt trotzdem knapp.
Viele Familien kombinieren die IEF mit einem anerkannten Fernkurs, etwa dem staatlichen Fernunterricht oder einer akkreditierten privaten Fernschule. Das erleichtert die Kontrolle deutlich, weil der Inspektor eine nachvollziehbare Struktur vorfindet. Wie sich Hausunterricht und Online-Schule unterscheiden, erklärt der Vergleich in Homeschooling oder Online-Schule und ergänzend Alles rund um Online-Schule und Homeschooling im Ausland. Die organisatorische Seite beschreibt der Beitrag zur Online-Schule im Ausland.
CNED und private Fernschulen
Zwei Wege sind in Frankreich üblich. Der staatliche Fernunterricht bietet einen geregelten Zweig, der auf Antrag und mit Zustimmung der Schulbehörde gewährt wird und rechtlich wie Schulbesuch behandelt wird, sowie einen frei zugänglichen Zweig, der als instruction en famille gilt und damit genehmigungspflichtig bleibt. Diese Unterscheidung übersehen viele Zuziehende. Prüfe deshalb vor der Anmeldung, in welchen Zweig dein Kind fällt, denn davon hängt ab, ob du überhaupt einen IEF-Antrag stellen musst. Private Fernschulen aus dem deutschsprachigen Raum ersetzen den Antrag nicht: Für die französische Verwaltung zählt der Wohnsitz des Kindes, nicht der Sitz der Schule.
Einordnung im Ländervergleich
Frankreich liegt heute im europäischen Mittelfeld: liberaler als Deutschland und Griechenland, deutlich strenger als Großbritannien oder Dänemark. Wer ausschließlich wegen der Bildungsfreiheit auswandert, sollte die Alternativen kennen. Den Überblick liefern unser Leitfaden zu Homeschooling, Hausunterricht und Online-Schule, die Übersicht Schulpflicht umgehen: freies Lernen und Homeschooling sowie die ausführlichen Informationen rund um Homeschooling im Ausland. Welche Modelle unsere Kanzlei St Matthew in der Praxis sieht, steht in der Übersicht zu den Möglichkeiten des Homeschoolings im Ausland, und wie eine Familie den Wechsel gelöst hat, zeigt unser Fallbeispiel zum Homeschooling.
Frankreich als Lebensort für Familien
Jenseits des Bildungsrechts spricht viel für Frankreich: gute medizinische Versorgung, günstige Immobilien in ländlichen Regionen, kurze Distanz zum deutschsprachigen Raum und ein dichtes Netz an Vereinen, Musikschulen und Sportangeboten. Für Familien im Hausunterricht ist gerade Letzteres wichtig, weil es soziale Struktur außerhalb der Schule liefert. In Regionen wie der Dordogne, dem Languedoc oder der Bretagne existieren gewachsene Gemeinschaften deutschsprachiger Zuwanderer, in denen Erfahrungen mit der IEF weitergegeben werden.
Auf der anderen Seite steht eine Verwaltung, die auf Papier, Fristen und formale Vollständigkeit setzt. Wer Unterlagen nachreicht statt vollständig einzureichen, verliert Monate. Rechne mit mehreren Wochen Bearbeitungszeit und halte alle Nachweise, Übersetzungen und Wohnsitzbelege von Anfang an bereit.
Wohnsitz, Steuern und Vermögen im Blick behalten
Frankreich ist ein Hochsteuerland mit progressiver Einkommensteuer, hoher Sozialabgabenlast und einer Vermögensteuer auf Immobilien. Die aktuellen Sätze, die Regeln zur steuerlichen Ansässigkeit und die Behandlung ausländischer Einkünfte findest du gebündelt in unserer Leitquelle Steuern in Frankreich. Die steuerliche Ansässigkeit knüpft unter anderem an den Wohnort der Familie an, was gerade bei Homeschooling-Familien schnell zur Frage wird, wo der Lebensmittelpunkt tatsächlich liegt.
Wer Vermögen mitnimmt oder eine Firma hält, sollte die Struktur vor dem Umzug ordnen. Die Grundlagen dazu fasst der Beitrag Vermögen schützen im Ausland zusammen. Wer online verkauft, stößt zusätzlich auf die europäische Umsatzsteuerabwicklung, erklärt im Beitrag zum One-Stop-Shop. Für die persönliche Konstellation kannst du ein Beratungsgespräch buchen.
Dein Fahrplan für die IEF in Frankreich
Die Reihenfolge entscheidet über den Erfolg. Kläre zuerst, welches der vier Motive zu deiner Familie passt, und sei dabei ehrlich: Wenn nur das vierte Motiv in Frage kommt, brauchst du ein belastbares Bildungsprojekt und Zeit für die Ausarbeitung. Plane den Umzug so, dass du das Antragsfenster vom 1. März bis 31. Mai triffst, statt im August improvisieren zu müssen.
Bereite das projet éducatif zweisprachig vor, halte ärztliche oder sportliche Nachweise bereit und richte dich auf eine erste Kontrolle innerhalb weniger Monate ein. Wer dokumentiert und pünktlich beantragt, kommt in Frankreich gut durch, wer auf Kulanz hofft, bekommt die Einschulungsanordnung. Und behandle Bildungsrecht und Steuerrecht als zwei getrennte Baustellen, die beide vor dem Umzug gelöst sein wollen.








