Wer nach Frankreich zieht, hat die Wahl zwischen der Bretagne mit Atlantikstürmen, dem Rhonetal mit Sturzfluten, dem Südosten mit Waldbränden und dem Südwesten mit Trockenheitsschäden an Häusern. Naturkatastrophen und Wetterextreme in Frankreich sind deshalb keine landesweite Kennzahl, sondern eine Frage des Departements, oft sogar der Gemeinde. Der große Vorteil: Frankreich veröffentlicht diese Informationen adressgenau, und es hat mit dem CatNat-System eine der ältesten und stärksten Entschädigungsmechaniken Europas.

Der Haken daran ist neu und betrifft dich direkt im Geldbeutel: Seit dem 1. Januar 2025 ist der Pflichtzuschlag für Naturkatastrophen in der Wohngebäude- und Betriebsversicherung deutlich gestiegen.

Was seit 2024 passiert ist

Das Jahr 2024 war für die französische Schadensbilanz ein Ausnahmejahr. Auf dem Festland reihten sich mehrere Hochwasserlagen aneinander: Januar in den Hauts-de-France, April im Centre-Ouest und in Burgund, Oktober dann eine Lage, die 44 Departements gleichzeitig betraf und im CatNat-System mit rund 350 bis 420 Millionen Euro zu Buche schlug. In der Summe erreichten die Naturkatastrophenschäden 2024 etwa 1,04 Milliarden Euro, und es war zugleich das schlimmste Jahr für häufige Kleinschäden seit mindestens zehn Jahren.

Im Dezember 2024 traf Zyklon Chido das Übersee-Departement Mayotte im Indischen Ozean. Offiziell wurden rund 40 Todesopfer, etwa 40 Vermisste und über 5.600 Verletzte gezählt, wobei die Zahlen wegen der informellen Siedlungen als Untergrenze gelten. Für das CatNat-System bedeutete das eine Belastung in der Größenordnung von 650 bis 800 Millionen Euro. Wer eine Auswanderung nach Übersee-Frankreich erwägt, muss dieses Risikoprofil getrennt bewerten.

Der Sommer 2025 brachte dann den Waldbrandrekord. Ab dem 5. August wurde das Departement Aude wegen sehr hoher Brandgefahr auf die höchste Warnstufe gesetzt. Das Feuer im Massiv der Corbières lief in gut 48 Stunden über 17.000 Hektar und gilt als schwerster Brand im französischen Mittelmeerraum seit mindestens 50 Jahren. Es forderte ein Todesopfer, 13 Verletzte und drei Vermisste. Bis zum 7. August 2025 waren landesweit 36.883 Hektar verbrannt, das 3,5-Fache des Mittels der vorangegangenen neun Jahre. Der Sommer selbst lag mit 22,2 Grad im Mittel und einer Abweichung von 1,9 Grad auf Rang drei hinter 2003 und 2022.

Regionale Risikoprofile

Waldbrand im Sommer, Sturzflut im Herbst. Die sogenannten cevenolen Ereignisse bringen im September und Oktober binnen Stunden mehrere hundert Millimeter Regen über Gard, Hérault, Ardèche und Var. Trockene Flussbetten werden dabei zu reißenden Strömen.

Atlantikküste und Bretagne

Winterstürme mit Orkanböen, Sturmflut in Kombination mit Springtide sowie Küstenerosion an den Sandküsten der Gironde und der Landes. Einzelne Gemeinden haben Gebäude bereits zurückgebaut.

Alpen, Pyrenäen und Jura

Lawinen, Muren und Hangrutschungen, dazu die höchsten Erdbebenzonen Frankreichs. Frankreich ist seismisch moderat, aber nicht ruhig, und die Antillen liegen in der höchsten Gefährdungsklasse.

Tonböden im Westen und Südwesten

Der teuerste und unauffälligste Schadensposten sind trockenheitsbedingte Bodenbewegungen. In Tonböden schrumpft der Untergrund in langen Trockenphasen und quillt bei Nässe wieder auf. Das Ergebnis sind Risse in Mauerwerk und Fundament, oft erst Jahre nach dem Kauf. Diese Schäden sind die häufigste Ursache für CatNat-Anträge bei Einfamilienhäusern. Prüfe die Einstufung des Grundstücks unbedingt vor dem Kauf.

Das CatNat-System und die Erhöhung 2025

Frankreich hat mit dem Gesetz vom 13. Juli 1982 ein System geschaffen, das private Versicherung und staatliche Rückversicherung koppelt. Jede Wohngebäude- und Hausratversicherung enthält verpflichtend einen Zuschlag, aus dem Entschädigungen finanziert werden, sobald ein Ministerialerlass für eine Gemeinde den Zustand der Naturkatastrophe feststellt. Ohne diesen Erlass gibt es keine CatNat-Entschädigung, deshalb ist die Gemeindeliste im Amtsblatt nach jedem Ereignis die entscheidende Information.

Zum 1. Januar 2025 wurde der Zuschlag von 12 auf 20 Prozent der Sachversicherungsprämie angehoben, in der Kfz-Versicherung auf Diebstahl und Feuer von 6 auf 9 Prozent. Hintergrund ist ein aufgelaufenes Defizit von rund 1,9 Milliarden Euro seit 2015; die Erhöhung soll etwa 1,2 Milliarden Euro jährlich zusätzlich einbringen. Für dich heißt das: Die Wohngebäudeversicherung wird spürbar teurer, unabhängig davon, ob du in einer Risikozone wohnst.

Worauf du beim Abschluss achtest:

  • Die CatNat-Deckung greift nur nach amtlicher Feststellung, dein Vertrag muss dafür bereits bestehen
  • Der gesetzliche Selbstbehalt liegt bei Wohngebäuden bei 380 Euro, bei Trockenheitsschäden deutlich höher
  • Sturm, Hagel und Schneelast laufen nicht über CatNat, sondern über die reguläre Sturmdeckung deines Vertrags
  • Bei Vermietung solltest du Mietausfall und Betriebsunterbrechung gesondert einschließen

Wie du solche Risiken in eine breitere Vermögensplanung einbettest, statt dein Kapital in eine einzige Immobilie in einer exponierten Lage zu legen, beschreibt unser Leitfaden zu wichtigen Schutzmaßnahmen für das Vermögen von Auswanderern.

Hitze als unterschätztes Gesundheitsthema

Frankreich hat aus dem Hitzesommer 2003 gelernt und einen abgestuften nationalen Hitzeplan aufgebaut, der Kommunen zu Melderegistern für gefährdete Personen, zu klimatisierten Aufenthaltsräumen und zu aufsuchenden Kontrollen verpflichtet. Für dich heißt das zweierlei. Erstens: Wenn du älter bist oder chronisch krank, melde dich nach dem Zuzug beim Rathaus in dieses Register ein, es kostet nichts und bringt im Ernstfall einen Anruf. Zweitens: Prüfe bei der Wohnungssuche Verschattung, Fensterausrichtung und Deckenhöhe. Ein Altbau mit dicken Steinmauern und Fensterläden bleibt im August kühler als ein sanierter Dachausbau ohne Außenverschattung. Klimageräte an der Fassade sind in vielen Ortskernen genehmigungspflichtig, gerade in geschützten Ensembles.

Warnsysteme und Notrufnummern

Der europäische Notruf 112 funktioniert überall. Daneben gelten 15 für den ärztlichen Notdienst, 18 für die Feuerwehr, 17 für die Polizei und 114 als SMS-Notruf für Hörgeschädigte.

  • Die Karte Vigilance météo des nationalen Wetterdienstes zeigt jeden Tag für jedes Departement die Stufen Grün, Gelb, Orange und Rot, getrennt nach Wind, Regen, Gewitter, Hochwasser, Hitze, Kälte, Schnee und Lawine
  • Über Géorisques des Umweltministeriums rufst du adressgenau die Gefahren deiner Parzelle ab: Hochwasser, Tonböden, Erdbeben, Altlasten und Radon. Beim Immobilienkauf oder bei der Vermietung ist eine entsprechende Risikoinformation verpflichtend
  • Das nationale Alarmsystem sendet bei akuter Gefahr Cell-Broadcast-Meldungen an alle Mobiltelefone in der betroffenen Zone, ganz ohne App
  • Die europäische Brandlage verfolgst du im European Forest Fire Information System

Zur Vorsorge gehört in Frankreich auch der Stromausfall, sei es durch Sturm, Waldbrand oder Netzprobleme. Unsere Kanzlei St Matthew hat dazu einen praktischen Leitfaden für das Notfallpaket bei einem Blackout veröffentlicht. Wer selbstständig arbeitet, sollte parallel die digitale Seite absichern, denn Krisenlagen sind erfahrungsgemäß auch die Hochphase für Betrugsversuche; Hinweise dazu findest du im Beitrag zu Cybersicherheit für Unternehmer und Freiberufler.

Standortcheck vor Kauf oder Mietvertrag

  1. Adresse im staatlichen Risikoportal abfragen und die Pflichtinformation vom Verkäufer verlangen
  2. Einstufung des Grundstücks für Tonböden prüfen, bei mittlerer oder hoher Stufe ein Bodengutachten einholen
  3. Historie der CatNat-Erlasse der Gemeinde ansehen: Wie oft wurde der Katastrophenzustand festgestellt?
  4. Im Süden Abstand zur Vegetation prüfen, die Freihaltungspflicht rund um Gebäude gilt und wird kontrolliert
  5. Bei Küstenlagen den Rückzugs- und Erosionsplan der Gemeinde lesen
  6. Versicherungsangebot einschließlich Sturm und CatNat vor der Kaufzusage einholen
  7. Notvorrat für 72 Stunden anlegen, im ländlichen Raum eher für eine Woche

Ein häufiger Fehler bei Zuzüglern betrifft die Reihenfolge. Viele unterschreiben zuerst den Vorvertrag und kümmern sich danach um Gutachten und Versicherung. In Frankreich läuft der Kauf über eine Frist zwischen Vorvertrag und Beurkundung, die du aktiv nutzen solltest: Bodengutachten, Versicherungsangebot und Einsicht in die kommunalen Risikopläne passen genau in dieses Zeitfenster. Wer die Frist verstreichen lässt, verliert seinen wichtigsten Verhandlungshebel.

Dein realistischer Blick auf Frankreich

Frankreich ist kein gefährliches Land, aber ein Land mit steigenden Kosten für Naturgefahren. Die Risiken sind hervorragend dokumentiert, die Entschädigung ist verlässlich geregelt, und die Warnkette funktioniert. Was du mitbringen musst, ist die Bereitschaft, vor dem Kauf zwei Stunden in die Recherche der Adresse zu stecken, statt sich vom Blick auf die Weinberge leiten zu lassen.

Rechne die höhere Versicherungsprämie seit 2025 fest in dein Budget ein und plane bei Tonböden einen Puffer für Gründungsarbeiten. Die steuerliche Seite deines Wegzugs klärst du am besten vorab; die Länderdaten findest du auf steueratlas.info zu Frankreich. Für deine persönliche Konstellation kannst du ein Beratungsgespräch zum Wohnsitzwechsel buchen.