Der Jemen steht für viele Auswanderungswillige nicht auf der Liste, und das aus gutem Grund. Wer sich trotzdem mit Korruption im Jemen befasst, tut das meist aus einem konkreten Anlass: humanitäre Arbeit, ein Projekt im Energie- oder Hafensektor, journalistische Recherche oder Familienbindungen. Dieser Leitfaden erklärt, wie tief die Korruption in einem seit über einem Jahrzehnt geteilten Staat sitzt, welche Kontrollbehörden formal existieren und welche Konsequenzen ein falscher Schritt für dich zu Hause hat.

Der Jemen im Korruptionswahrnehmungsindex 2025

Transparency International hat den Korruptionswahrnehmungsindex 2025 am 10. Februar 2026 veröffentlicht. Der Jemen erreicht 13 von 100 Punkten und liegt auf Rang 177 von 182 Ländern, unverändert zum Vorjahr. Damit gehört das Land zur Schlussgruppe zusammen mit dem Südsudan, Somalia, Venezuela, Libyen und Eritrea. Der weltweite Durchschnitt liegt bei 42 Punkten. Die Zeitreihe findest du im Länderprofil von Transparency International.

Ein Wert von 13 bedeutet nicht nur viel Korruption, sondern das weitgehende Fehlen funktionierender Kontrolle. Wo Verwaltung, Justiz und Rechnungsprüfung nicht mehr flächendeckend arbeiten, verliert die Unterscheidung zwischen Bestechung, Erpressung und Kriegsökonomie ihre Trennschärfe.

Zwei Verwaltungen, zwei Zentralbanken

Seit 2014 stehen sich die international anerkannte Regierung mit Sitz in Aden und die Huthi-Verwaltung in Sanaa gegenüber. Der Bruch geht durch alle Institutionen. Es gibt zwei Zentralbanken, zwei Steuerverwaltungen, zwei Zollregime und teils deutlich auseinanderlaufende Wechselkurse für den jemenitischen Rial. Für Unternehmen heißt das: Ein Import kann zweimal verzollt werden, je nachdem, welche Linie die Ware passiert. Für Hilfsorganisationen heißt es: Zugang wird verhandelt, und Verhandlung kostet.

Hinzu kommen Kontrollpunkte auf den Hauptverbindungen, an denen Gebühren erhoben werden, deren Rechtsgrundlage niemand vorzeigt. Treibstoff, Weizen und medizinische Güter sind Machtmittel. Wer Logistik im Land plant, kalkuliert diese Reibung nicht als Ausnahme, sondern als Regelfall.

Die Antikorruptionsbehörden und ihr realer Zustand

Formal existiert die Oberste Nationale Behörde zur Korruptionsbekämpfung (SNACC), 2007 nach der UN-Konvention gegen Korruption eingerichtet. Sie hat elf Mitglieder im Ministerrang, nimmt Vermögenserklärungen entgegen und berichtet an Präsident und Kabinett. Geleitet wird sie von Richterin Afrah Badweilan. Die Regierung in Aden bekräftigt regelmäßig, Korruptionsbekämpfung sei nationale Priorität. Die Reichweite ist jedoch auf die von ihr kontrollierten Gebiete begrenzt, die Ausstattung schwach und die Durchsetzung gegen bewaffnete Akteure praktisch nicht gegeben.

COCA und Vergabeaufsicht

Daneben bestehen die Zentrale Organisation für Kontrolle und Rechnungsprüfung (COCA) und die oberste Vergabeaufsicht. Beide sind gesetzlich mit finanzieller und administrativer Unabhängigkeit ausgestattet, was in der Praxis wenig bedeutet, wenn Haushalte nicht mehr geschlossen aufgestellt werden und Prüfberichte keine Adressaten mit Durchgriff finden. Zivilgesellschaftliche Berichte an die UN-Konvention gegen Korruption weisen seit Jahren auf denselben Befund hin: Die Gesetze sind vorhanden, die Umsetzung ist es nicht.

Internationale Einstufungen

Der Jemen steht auf der grauen Liste der Financial Action Task Force, unterliegt Sanktionen des UN-Sicherheitsrats und wird von der EU als Drittland mit hohem Risiko für Geldwäsche geführt. Für dich bedeutet das ganz praktisch: Zahlungen aus dem oder in den Jemen werden von europäischen Banken intensiv geprüft, verzögert oder abgelehnt. Wer eine Kontoverbindung für Projektarbeit braucht, klärt das vorher mit der Bank und nicht im laufenden Betrieb.

Wie Korruption in der Kriegsökonomie funktioniert

Treibstoff, Häfen und Zölle

Der lukrativste Bereich ist der Import von Treibstoff und Grundnahrungsmitteln. Wer Einfuhrlizenzen vergibt, Schiffe abfertigt oder Lagerkapazität kontrolliert, sitzt an der Quelle. Weil beide Verwaltungen Zölle und Abgaben auf dieselbe Ware erheben können, verteuert sich der Warenkorb doppelt, und die Differenz landet nicht in einem Haushalt, sondern bei den jeweiligen Kontrolleuren. Hinzu kommen Abgaben, die als religiöse Pflichtleistung deklariert werden und faktisch eine Parallelsteuer darstellen.

Gehälter, Hilfe und Bedarfsprüfung

Ein großer Teil der öffentlichen Bediensteten wird seit Jahren nur unregelmäßig oder gar nicht bezahlt. Wo ein Beamter kein Gehalt bekommt, wird die Gebühr am Schalter zur Einkommensquelle. Das erklärt, warum informelle Zahlungen im Jemen nicht als Ausnahme gelten, sondern als Ersatz für eine funktionierende Verwaltung. Für Hilfsorganisationen entsteht daraus ein Dauerkonflikt: Zugangsgenehmigungen, Begünstigtenlisten und Personalauswahl werden regelmäßig zum Verhandlungsgegenstand. Internationale Geber haben deshalb Kontrollmechanismen verschärft, von unabhängiger Drittparteienüberwachung bis zur biometrischen Registrierung von Empfängern, was seinerseits zu Blockaden geführt hat.

Was das für Verträge bedeutet

Verträge im Jemen haben nur so viel Wert wie die Durchsetzungsmacht dahinter. Gerichte arbeiten in Teilen des Landes nicht, Vollstreckungstitel sind wertlos, und Gegenparteien wechseln mit der Frontlinie. Arbeite nur mit Vorkasse gegen Leistung in Teilschritten, nie mit langen Vorleistungen, und verankere Prüfrechte, Kündigungsrechte und eine Antikorruptionsklausel schriftlich.

Alltag für Ausländer: Sicherheit vor Bürokratie

Das Auswärtige Amt spricht für den Jemen eine Reisewarnung aus und ruft deutsche Staatsangehörige zum Verlassen des Landes auf. Die deutsche Botschaft in Sanaa hat ihren Betrieb bereits 2015 eingestellt, konsularische Hilfe vor Ort gibt es nicht. Alles, was du sonst in einem Leitfaden über Meldefristen und Aufenthaltstitel lesen würdest, tritt hinter diese Tatsache zurück. Die aktuellen Hinweise findest du bei den Länderinformationen des Auswärtigen Amts zum Jemen.

Wer dennoch im Land arbeitet, sollte diese Punkte fest einplanen:

  • Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen werden von beiden Verwaltungen getrennt behandelt und gegenseitig nicht anerkannt.
  • Registrierungen von Organisationen laufen über unterschiedliche Ministerien, je nach Gebiet.
  • Entführungsrisiko und Zugangsverhandlungen bestimmen die Sicherheitsplanung stärker als jede Verwaltungsfrage.
  • Bargeldlogistik ist ein eigenes Risiko, weil das Bankensystem in Teilen des Landes nicht funktioniert.
  • Verträge nach jemenitischem Recht sind faktisch nicht vollstreckbar; Schiedsklauseln mit Sitz im Ausland sind Pflicht.

Warum Zahlungen dich zu Hause treffen

Auch unter Bedingungen eines Bürgerkriegs bleibt das heimische Strafrecht anwendbar. Wer einen jemenitischen Amtsträger besticht, macht sich in Deutschland strafbar. § 335a StGB stellt ausländische und internationale Bedienstete den inländischen gleich, sodass die §§ 331 bis 334 StGB greifen. In Österreich gilt § 307 StGB in Verbindung mit dem weiten Amtsträgerbegriff des § 74 StGB, in der Schweiz Art. 322septies StGB.

Rechtlich anders zu beurteilen sind erzwungene Zahlungen unter unmittelbarer Bedrohung von Leib und Leben. Das ist eine Notstandsfrage und keine Freistellung, die du im Voraus einplanen kannst. Dokumentiere jeden erzwungenen Vorgang sofort mit Datum, Ort, Betrag und Beteiligten und melde ihn intern. Eine nachträglich rekonstruierte Erinnerung hilft dir in einem Ermittlungsverfahren wenig. Zusätzlich greifen Sanktions- und Geldwäscheregeln: Zahlungen an gelistete Personen oder Gruppen sind unabhängig vom Bestechungsvorwurf verboten.

Was für Angehörige und Rückkehrer gilt

Viele Anfragen zum Jemen kommen nicht von Investoren, sondern von Menschen mit Familie im Land. Für sie steht die Beschaffung von Dokumenten im Vordergrund: Geburts- und Heiratsurkunden, Identitätsnachweise, Vollmachten. Diese Vorgänge laufen je nach Region über unterschiedliche Stellen, und Urkunden aus dem einen Landesteil werden im anderen nicht ohne Weiteres anerkannt. Für die Verwendung in Deutschland kommt hinzu, dass eine Legalisation jemenitischer Urkunden derzeit praktisch nicht möglich ist und deutsche Behörden stattdessen eigene Prüfverfahren anwenden. Plane dafür Monate ein und arbeite mit einer Kanzlei, die diesen Weg kennt.

Wer eine Reise ins Land erwägt, sollte drei Dinge vorher klären: die eigene Absicherung ohne konsularische Hilfe, den Umgang mit Bargeld ohne funktionierende Bankverbindung und den Rückweg, falls Flughäfen oder Grenzübergänge kurzfristig schließen. Verlass dich nicht auf Zusagen einzelner Kontakte vor Ort und triff keine Entscheidung, die davon abhängt, dass eine bestimmte Person ihre Zusage einhält.

Warum der Jemen kein Auswanderungsziel ist

Der Jemen ist kein Land, für das du eine Auswanderungsstrategie baust. Er ist ein Land, in das Menschen aus beruflicher Pflicht oder familiärer Bindung reisen, und für die gilt: Sicherheitsplanung vor Steuerplanung, Dokumentation vor Improvisation, schriftliche Regeln vor persönlichen Zusagen. Wenn du eine Perspektive in der weiteren Region suchst, sind Länder mit funktionierender Verwaltung die realistischere Wahl.

Die steuerlichen Rahmendaten zum Land findest du im Länderprofil Jemen auf steueratlas.info. Wenn du deinen Wohnsitz und deine Steuerpflicht sauber aufstellen willst, bevor du ein Engagement in einer Krisenregion annimmst, buch dir ein Beratungsgespräch.