Graubünden ist der Kanton, aus dem über Jahrhunderte ausgewandert wurde, und der heute selbst Zuzügler sucht. Wer in den größten Kanton der Schweiz zieht, findet 11.000 Kilometer Wanderwege, drei Amtssprachen und einen Wohnungsmarkt, der wenig mit dem Postkartenbild zu tun hat. Dieser Leitfaden verbindet die Geschichte der Bündner Auswanderung mit den harten Zahlen und Regeln für einen Umzug 2026.
Von den Überseekolonien zum Zuzugskanton
Die Auswanderung prägt Graubünden seit dem 16. Jahrhundert. Zuerst zogen protestantische Familien nach Norden, im 18. Jahrhundert suchten Bündner ihr Auskommen als Zuckerbäcker und Kaufleute in Venedig und anderen italienischen Städten. Die größte Welle rollte im 19. Jahrhundert: Zwischen 1850 und 1914 verließen rund 23.000 Bündnerinnen und Bündner den Kanton, überwiegend Richtung Nordamerika und Australien. Armut, Überbevölkerung der Bergtäler und Missernten waren die Treiber, nicht Abenteuerlust. Was ein solcher Aufbruch bedeutet, beschreibt auch der Beitrag zur Bedeutung des Auswanderns.
Die Folgen wirken bis heute: Abwanderung junger Menschen, Überalterung in Randtälern, aufgegebene Höfe und ein Rückgang des Rätoromanischen in einzelnen Gemeinden. Erst der Tourismus ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts drehte den Trend. Heute ist Graubünden für Zuzügler interessant, kämpft aber gleichzeitig mit Wohnraummangel in den Talschaften.
Aufenthalt: Was du als EU-Bürger brauchst
Die Schweiz ist kein EU-Mitglied, das Freizügigkeitsabkommen regelt den Zugang trotzdem klar. Nach dem Zuzug meldest du dich innerhalb von 14 Tagen bei deiner Wohngemeinde an, und zwar bevor du die Arbeit aufnimmst. Mit einem unbefristeten oder mindestens einjährigen Arbeitsvertrag erhältst du den Ausweis B EU/EFTA mit fünfjähriger Gültigkeit, bei kürzeren Verträgen die Kurzaufenthaltsbewilligung L. Nach fünf Jahren ordnungsgemäßem Aufenthalt ist die Niederlassungsbewilligung C möglich.
Ohne Erwerbstätigkeit, etwa als Ruheständler, brauchst du den Nachweis ausreichender finanzieller Mittel und eine anerkannte Krankenversicherung. Die Zuständigkeiten und Formulare für den Kanton beschreibt das Amt für Migration und Zivilrecht Graubünden, die bundesweiten Grundlagen zum Ausweis B EU/EFTA das Staatssekretariat für Migration.
Die Krankenversicherung ist in der Schweiz obligatorisch und muss innerhalb von drei Monaten nach Zuzug abgeschlossen werden, rückwirkend ab dem ersten Tag. Bezahlt wird pro Kopf und nicht nach Einkommen, weshalb die Prämie einer der größten Fixkostenblöcke im Haushalt ist. Für 2026 steigen die Prämien in Graubünden im Schnitt um rund 5,5 Prozent; der Kanton ist in drei Prämienregionen unterteilt, eine Großzentrumsregion gibt es nicht. Prämienverbilligungen sind einkommensabhängig und werden beim Kanton beantragt.
Wohnen: Preise, Lex Koller und Zweitwohnungen
Der Immobilienmarkt ist teuer und angespannt. Im Kanton liegt der durchschnittliche Quadratmeterpreis 2026 bei rund 9.500 Franken, für Wohnungen bei etwa 10.900 Franken und für Häuser bei rund 8.100 Franken. In Chur kosten Wohnungen im Mittel etwa 9.700 Franken pro Quadratmeter. Binnen zwölf Monaten legten Häuser um rund 3,6 Prozent und Wohnungen um rund 5,8 Prozent zu.
Bei den Mieten liegt der Kanton bei rund 337 Franken Jahresmiete pro Quadratmeter, Chur bei etwa 310 Franken für Wohnungen. Für eine 80-Quadratmeter-Wohnung in Chur bedeutet das grob 2.000 bis 2.100 Franken Nettomiete im Monat, in St. Moritz, Davos oder Arosa deutlich mehr, in Randtälern der Surselva oder des Val Müstair spürbar weniger. Wer die Schweizer Mietlogik mit Kaution, Referenzzinssatz und Nebenkostenabrechnung verstehen will, findet den Rahmen im Überblick Wohnung in der Schweiz mieten.
Beim Kauf greifen zwei Sonderregeln. Die Lex Koller macht den Erwerb von Wohnraum durch Personen im Ausland bewilligungspflichtig; wer eine Bewilligung B oder C hat und selbst einzieht, darf am Wohnort dagegen ohne Sonderbewilligung kaufen. Ferienwohnungen unterliegen kantonalen Kontingenten, und Graubünden ist als Tourismuskanton besonders nachgefragt. Dazu kommt das Zweitwohnungsgesetz: In Gemeinden mit einem Zweitwohnungsanteil über 20 Prozent dürfen grundsätzlich keine neuen Zweitwohnungen mehr gebaut werden, was auf viele Bündner Tourismusgemeinden zutrifft und Bestandsobjekte verteuert.
Arbeiten und Einkommen im Kanton
Die Bündner Wirtschaft steht auf Tourismus, Bau, Energie, Gesundheitswesen, Landwirtschaft und öffentlicher Verwaltung. Chur ist das Verwaltungs- und Handelszentrum, Davos lebt von Kongress- und Klinikbetrieb, das Engadin vom Ganzjahrestourismus. Gesucht werden verlässlich Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte, Handwerker, Köche und Fachkräfte im Bau. Saisonstellen im Winter und Sommer sind zahlreich, Ganzjahresstellen in den Tälern seltener.
Löhne liegen deutlich über deutschem Niveau, die Lebenshaltungskosten aber ebenso. Rechne Miete, Krankenkasse und Steuern zusammen, bevor du ein Angebot bewertest. Amtliche Vergleichsdaten zu Löhnen, Mieten und Bevölkerung liefert das Bundesamt für Statistik. Für ortsunabhängig Arbeitende ist der Kanton wegen guter Anbindung und stabiler Netze interessant; Chancen und Kosten ordnet der Beitrag zu digitalen Nomaden in der Schweiz ein.
Steuern, Sprache und Alltag
Steuern setzen sich in der Schweiz aus Bundes-, Kantons- und Gemeindeanteil zusammen, und die Spannweite zwischen den Bündner Gemeinden ist erheblich. Wer die Gemeinde wählt, wählt seine Steuerrechnung mit. Sätze, Vermögenssteuer und Besonderheiten findest du gebündelt bei Steuern in der Schweiz, die Einordnung für Wegziehende samt Pauschalbesteuerung im Überblick Umzug in die Schweiz. Für Ruheständler lohnt zusätzlich der Blick auf Ruhestand in der Schweiz, weil Rente, Aufenthalt und Krankenkasse zusammen gedacht werden müssen.
Sprachlich ist Graubünden ein Sonderfall: Deutsch, Rätoromanisch und Italienisch sind Amtssprachen. Im Alltag reicht Deutsch fast überall, in Bergün, im Engadin oder in der Surselva öffnet Rätoromanisch aber Türen, im Puschlav und im Bergell hilft Italienisch. Schulen unterrichten je nach Gemeinde in unterschiedlicher Sprache, das solltest du vor der Ortswahl mit Kindern klären.
Der Alltag ist gut organisiert: Die Rhätische Bahn und Postautos erschließen auch abgelegene Täler, Gesundheitsversorgung bündelt sich in Chur, Davos und Samedan, Einkaufen ist teurer als in Deutschland. Wer den alpinen Vergleich sucht, findet ihn im Leitfaden zum Neuanfang in Südtirol. Und wer generell klären will, wie ein Wohnsitzwechsel geordnet abläuft, findet den Rahmen bei Wohnsitz Ausland.
Was der Kanton an Lebensqualität bietet
Graubünden erstreckt sich über 7.105 Quadratkilometer und mehr als 150 Täler, vom Engadin über das Prättigau bis ins Val Müstair. Höchster Punkt ist der Piz Bernina mit 4.049 Metern, der Schweizerische Nationalpark schützt 170 Quadratkilometer weitgehend unberührte Bergnatur mit Steinböcken, Hirschen und Bartgeiern. Zum UNESCO-Welterbe zählen die Rhätische Bahn in der Albula- und Berninalandschaft sowie das Kloster St. Johann in Müstair mit seinen karolingischen Fresken.
Der Alltag lebt von diesen Wegen: 11.000 Kilometer markierte Wanderwege, Bergbahnen, die ganzjährig fahren, Langlaufloipen im Winter und Bräuche wie das Chalandamarz im Engadin, die Zugezogene schnell einbinden. Wer in einem Bergdorf ankommen will, kommt am Vereinsleben nicht vorbei, und genau darüber funktioniert Integration hier. Feuerwehr, Schützenverein, Skiclub und Musikgesellschaft sind keine Folklore, sondern die Struktur, über die eine Gemeinde ihre Neuzuzüger kennenlernt.
Bei den laufenden Kosten solltest du neben Miete und Krankenkasse an Nebenkosten in Höhenlagen denken: Heizung über sieben bis acht Monate, Winterreifen und teils Allradantrieb, Parkplatzmiete und höhere Preise im Dorfladen. Ein Haushalt in einer Randgemeinde kommt insgesamt günstiger weg als in Chur oder Davos, zahlt aber mit längeren Wegen zu Arbeit, Schule und Arzt.
Passt der Kanton zu deinem Plan?
Graubünden funktioniert für Fachkräfte mit gesuchtem Beruf, für Familien mit Bezug zu Bergen und Vereinsleben und für Menschen mit stabilem Einkommen, die hohe Fixkosten tragen können. Er funktioniert schlecht für alle, die eine günstige Alpenidylle erwarten oder ohne Bewilligung eine Ferienwohnung kaufen wollen.
Der sinnvolle Ablauf: erst Arbeitsvertrag oder Nachweis der Mittel, dann Wohnungssuche, dann Anmeldung in der Gemeinde innerhalb von 14 Tagen, dann Krankenkasse innerhalb von drei Monaten. Die Gemeindewahl entscheidest du bewusst, weil Steuerfuß, Prämienregion und Schulsprache daran hängen. Was der Wegzug steuerlich für dich bedeutet, klärst du am besten vorher, etwa im Beratungsgespräch zum Umzug in die Schweiz. Den größeren Rahmen zu Wohnsitz und Auswanderung liefert die Seite Wohnsitz Ausland.
