Wer aus dem deutschsprachigen Raum nach Mitteleuropa auswandert, landet erstaunlich oft bei denselben zwei Kandidaten: Polen und Ungarn. Beide sind EU-Mitglieder mit eigener Währung, beide werben um Selbstständige, beide liegen preislich deutlich unter dem EU-Schnitt. Wer genauer hinsieht, findet zwei sehr verschiedene Systeme: Polen belastet über Sozialabgaben, Ungarn über die Umsatzsteuer. Dieser Vergleich zeigt dir, welches Land 2026 zu deiner Einkommensstruktur passt.
Anmeldung: EU-Freizügigkeit mit Papierkram
Ein Visum brauchst du in keinem der beiden Länder. In Polen meldest du einen Aufenthalt über drei Monate bei der Wojewodschaftsbehörde an, zuständig ist das Amt für Ausländerangelegenheiten. Ohne die Personenkennziffer PESEL geht anschließend fast nichts, weder Bankkonto noch Arztbesuch noch Steuererklärung. In Ungarn registrierst du dich bei der Einwanderungsbehörde und erhältst eine Registrierungsbescheinigung sowie eine Adresskarte, die Verfahren beschreibt das Amt für Einwanderung und Asyl.
Merke dir die Reihenfolge: Erst Meldeadresse, dann Kennziffer und Steuernummer, dann Gewerbe oder Gesellschaft. Wer die Kette umdreht, wartet in beiden Ländern Wochen.
Ungarn: 15 Prozent auf alles, plus Familienpolitik
Das ungarische System ist bestechend einfach. Auf nahezu alle Einkunftsarten gilt eine Flat Tax von 15 Prozent, unabhängig von der Höhe. Die Körperschaftsteuer liegt bei 9 Prozent und damit am unteren Ende der EU. Für Kleinstunternehmer existiert weiterhin die Pauschale KATA mit rund 130 Euro monatlich, allerdings nur noch für Leistungen an Privatkunden. Wer B2B fakturiert, kann sie seit der Reform nicht mehr nutzen. Das ist für viele Zuzügler aus Deutschland der entscheidende Punkt, denn genau dort liegt meist die Kundschaft.
Auffällig ist die Familienpolitik. Die Steuervergünstigungen für Familien wurden zum Jahresbeginn verdoppelt, eine Familie mit drei Kindern kommt damit auf rund 2,4 Millionen Forint jährlich, umgerechnet grob 6.300 Euro. Hinzu kommt eine Einkommensteuerbefreiung für Mütter: Für Mütter von drei Kindern gilt sie bereits, für Mütter von zwei Kindern wird sie zwischen 2026 und 2029 nach Altersgruppen eingeführt. Nicht befreit sind Miet- und Kapitaleinkünfte. Die Gesamtübersicht führt der Steueratlas zu Ungarn.
Polen: niedrige Steuer, spürbare Beiträge
Polen ist komplexer, aber für viele Selbstständige rechnerisch attraktiver. Neben dem Regeltarif und der 19-Prozent-Pauschale für Gewerbetreibende gibt es den Ryczałt, eine Steuer auf den Umsatz statt auf den Gewinn. Die Sätze liegen je nach Tätigkeit typischerweise zwischen 8,5 und 15 Prozent, IT-Dienstleistungen werden häufig mit 12 Prozent erfasst. Weil keine Betriebsausgaben abgezogen werden, lohnt das Modell vor allem bei geringen Kosten, also klassisch bei Beratung, Software und Text.
Die eigentliche Belastung liegt in den Beiträgen. Für Ryczałt-Zahler gelten 2026 gestaffelte Krankenversicherungsbeiträge von rund 498 Zloty monatlich bis 60.000 Zloty Jahresumsatz, 831 Zloty bis 300.000 und 1.495 Zloty darüber. Nach oben ist die Belastung damit gedeckelt, was gut verdienende Selbstständige begünstigt. Die Sozialbeiträge insgesamt wurden zum Jahreswechsel angehoben. Für Gründer gibt es die Ulga na start: In den ersten sechs Monaten fallen nur Krankenversicherungsbeiträge an, danach folgt für weitere zwei Jahre ein reduzierter Beitragssatz. Diese Startphase macht Polen für den Aufbau einer selbstständigen Tätigkeit besonders interessant, weil die Belastung in genau der Zeit niedrig bleibt, in der die Umsätze noch schwanken. Die Einordnung liefert der Steueratlas zu Polen.
Lebenshaltungskosten: Polen ist das günstigere Land
Nach den Preisniveaudaten von Eurostat für 2025 liegt der private Konsum in Polen bei 73 Prozent des EU-Durchschnitts, in Ungarn bei 78 Prozent. Beim Wohnen ist der Abstand größer: Polen erreicht einen Index von 52, Ungarn von 67. Anders gesagt zahlst du für Miete und Nebenkosten in Polen im Schnitt gut ein Fünftel weniger als in Ungarn und rund die Hälfte des EU-Durchschnitts.
Das gilt allerdings nicht für Warschau und Krakau. Beide Städte haben in den letzten Jahren kräftig angezogen und liegen inzwischen näher an westeuropäischen Werten als am Landesdurchschnitt. Wer sparen will, findet in Breslau, Posen, Łódź oder Danzig deutlich bessere Verhältnisse von Miete zu Lebensqualität. In Ungarn gilt dasselbe Muster: Budapest ist teuer, Debrecen, Pécs oder der Plattensee-Raum sind es nicht.
Immobilien: kaufen ist möglich, aber nicht überall gleich
Für EU-Bürger ist der Erwerb von Wohneigentum in beiden Ländern grundsätzlich frei. In Polen entfiel die frühere Genehmigungspflicht für Unionsbürger, Einschränkungen bestehen weiterhin bei landwirtschaftlichen Flächen und Waldgrundstücken. In Ungarn galt lange eine kommunale Erwerbsgenehmigung, die für EU-Bürger beim Kauf von Wohnimmobilien entfallen ist, für Agrarland dagegen weiterhin greift.
Praktisch wichtiger sind die Marktunterschiede. In Warschau und Krakau haben die Kaufpreise stark angezogen und liegen im Verhältnis zu lokalen Einkommen hoch. In ungarischen Mittelstädten und in der Region um den Balaton bekommst du dagegen für dasselbe Budget deutlich mehr Fläche. Prüfe vor jedem Kauf den Zustand der Heizung und die energetische Qualität, denn Altbestand aus den Siebziger- und Achtzigerjahren dominiert in beiden Ländern und verursacht im Winter erhebliche Nebenkosten.
Alltag, Sprache und Anbindung
Polnisch und Ungarisch sind beide anspruchsvoll, Ungarisch als finno-ugrische Sprache noch einmal deutlich mehr. In Warschau, Krakau und Budapest kommst du im Berufsalltag mit Englisch weit, bei Behörden und Handwerkern nicht. Die medizinische Versorgung ist in den Ballungsräumen beider Länder gut, das öffentliche System in Ungarn allerdings chronisch unterfinanziert, weshalb viele Zuzügler privat zuzahlen.
Bei der Anbindung liegt Polen vorn: mehrere internationale Flughäfen, ein dichtes Bahnnetz, kurze Wege nach Berlin und Prag. Budapest hat einen guten Flughafen, aber weniger Alternativen im Land. Ein Punkt, den viele unterschätzen: Beide Länder haben eine eigene Währung, und die gesetzliche Krankenversicherung ist an Beitragszahlung oder Familienversicherung geknüpft. Wer als Frührentner ohne Erwerbstätigkeit zuzieht, fällt nicht automatisch in das lokale System, sondern braucht entweder eine freiwillige Versicherung oder eine private Police. Kläre das vor dem Umzug, nicht danach.
Für die Ruhestandsplanung mit Rentenzahlung, Krankenversicherung und Erbrecht lohnen die Profile Ruhestand in Polen und Ruhestand in Ungarn.
Die ehrlichen Nachteile
- Ungarns KATA ist für B2B tot. Wer deutsche Firmenkunden hat, landet im normalen System und verliert den wichtigsten Vereinfachungsvorteil.
- Der Forint schwankt stärker als der Zloty. Wer in Euro verdient, profitiert davon, wer in Forint spart, trägt das Risiko.
- Polens Beitragslast ist der eigentliche Kostenblock, nicht die Steuer. Rechne die Krankenversicherung immer mit, sonst sieht der Ryczałt besser aus, als er ist.
- Beide Länder haben eine papierlastige Verwaltung mit begrenzter Fremdsprachenkompetenz. Ohne Buchhalterin oder Buchhalter vor Ort wird es zäh.
- Ungarns hohe Umsatzsteuer von 27 Prozent, dem höchsten Regelsatz der EU, macht Konsum teuer und relativiert die niedrige Einkommensteuer im Alltag spürbar.
Für wen passt welches Land
Ungarn passt zu Familien mit mehreren Kindern, zu Gesellschaftern, die von 9 Prozent Körperschaftsteuer profitieren, und zu allen, die ein einfaches System wollen und ihre Einkünfte nicht aus Miete oder Kapital ziehen. Polen ist stärker für Selbstständige mit geringen Betriebskosten, für Angestellte in Technologiezentren und für alle, die beim Wohnen sparen wollen.
Ein Rechenbeispiel: Eine Entwicklerin mit 120.000 Zloty Jahresumsatz und kaum Ausgaben zahlt im Ryczałt zwölf Prozent auf den Umsatz plus einen gedeckelten Krankenversicherungsbeitrag und fährt damit sehr günstig. Eine Familie mit drei Kindern und einem Gehalt von 4.000 Euro netto profitiert in Ungarn stärker, weil Freibeträge und Befreiungen direkt am Einkommen ansetzen. Weitere Perspektiven findest du in unseren Vergleichen Polen oder Tschechien und Tschechien oder Ungarn.
Welches Land verdient deine Anmeldung?
Entscheide nicht nach dem niedrigsten Steuersatz, sondern nach der Summe aus Steuer, Beiträgen und Miete an deinem konkreten Wohnort. Wer Kinder hat, sollte Ungarn genau durchrechnen. Wer allein und kostenarm arbeitet, findet in Polen meist die bessere Rechnung. Und in beiden Fällen entscheidet ein sauberer Wegzug darüber, ob dein altes Finanzamt später noch mitredet. Für Ungarn klärst du das im Beratungsgespräch zu Ungarn, für Polen im allgemeinen Beratungsgespräch.
