Über Auswanderung wird viel gefühlt und wenig gerechnet. Die belastbare Grundlage liefert die Wanderungsstatistik des Statistischen Bundesamts, deren endgültige Ergebnisse für 2025 am 1. Juni 2026 erschienen sind. Sichtbar werden dort zwei Bewegungen gleichzeitig: Die Nettozuwanderung nach Deutschland ist eingebrochen, während die Abwanderung deutscher Staatsangehöriger weiter zugenommen hat. Dieser Text sortiert die Zahlen, ordnet die Zielländer ein und benennt, wo die Statistik an ihre Grenzen stößt.
Die Kernzahlen für 2025
- Rund 1,48 Millionen Zuzüge und 1,25 Millionen Fortzüge über die deutschen Grenzen.
- Nettozuwanderung: 235.000 Personen, ein Rückgang von 45 Prozent gegenüber 430.000 im Jahr 2024.
- Wanderungssaldo deutscher Staatsangehöriger: minus 97.000 Personen, nach minus 81.000 im Vorjahr.
- Wanderungssaldo gegenüber der EU: minus 54.000 Personen, nach minus 34.000 im Vorjahr.
- Hauptzielländer deutscher Fortzüge: Schweiz 23.000, Österreich 14.000, Spanien 10.000.
Die vollständige Auswertung steht in der Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts, die laufenden Reihen auf der Themenseite zur Wanderungsstatistik.
Der lange Trend: Abwanderung seit 2005
Bei Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit weist die Statistik seit 2005 durchgehend eine Nettoabwanderung aus. Das ist der zentrale Befund, weil er zeigt: Der aktuelle Anstieg ist kein Ausreißer, sondern die Fortsetzung einer zwanzigjährigen Bewegung. Neu ist die Beschleunigung. Von minus 81.000 auf minus 97.000 innerhalb eines Jahres ist ein Sprung von rund einem Fünftel.
Parallel dazu sinkt die Zuwanderung: weniger Nettozuwanderung aus Syrien, der Türkei und Afghanistan, weniger Schutzsuchende aus der Ukraine und ein negativer Saldo gegenüber der EU, getrieben vor allem von Polen und Bulgarien. Was das demografisch bedeutet, diskutiert die Folge Deutschlands demografische Zeitbombe. Dass die Auswanderungsbereitschaft in der Bevölkerung breiter wird, zeigt unser Beitrag dazu, dass die Deutschen immer auswanderungswilliger werden.
Wohin die Bewegung geht
Die drei Hauptziele liegen alle in Europa, zwei davon im deutschsprachigen Raum. Das ist kein Zufall: Kein Visum, keine Sprachhürde, kurze Wege zur Familie. Die Schweiz steht mit Abstand vorn, gefolgt von Österreich und Spanien. Für die weitere Einordnung lohnt der Podcast In diesen Ländern sind deutsche Auswanderer beliebt.
Auch osteuropäische Ziele tauchen auf. Nach Rumänien zieht es Deutsche vor allem in historisch deutschsprachige Regionen, dokumentiert in unserem Beitrag darüber, dass es immer mehr Deutsche nach Siebenbürgen zieht. Albanien gilt als Aufsteiger, siehe Lebensqualität und Wirtschaftswachstum in Albanien. Und Großbritannien bleibt trotz Brexit ein Thema, praktisch aufbereitet von unserer Kanzlei St Matthew unter Nach England auswandern.
Übersee: konstant, aber klein
In die Vereinigten Staaten zogen 2025 rund 8.900 Deutsche, wie das Statistische Bundesamt in seiner Zahl der Woche berichtet. Das ist im Vergleich zu den europäischen Zielen wenig und zeigt, wie stark Visumhürden die Ströme lenken. Regional konzentriert sich die Bewegung auf wenige Städte, nachzulesen in In diese US-Metropolen zieht es deutsche Auswanderer.
Australien, Neuseeland und Kanada bleiben Sehnsuchtsziele mit selektiven Verfahren, ausführlich in Auswandern nach Kanada. Eine Nische mit deutscher Geschichte ist Namibia, eingeordnet in Nach Namibia auswandern. Welche Länder aktuell besonders diskutiert werden, fasst die Folge Die Top 10 Länder für Auswanderer zusammen.
Rückwanderung: die halbe Wahrheit
Neben den Fortzügen registriert die Statistik auch Zuzüge deutscher Staatsangehöriger, also Rückkehrer. Der ausgewiesene Saldo von minus 97.000 ist bereits eine Nettogröße: Er ergibt sich aus den Fortzügen abzüglich der Rückwanderungen. Brutto verlassen also deutlich mehr Menschen das Land, als der Saldo vermuten lässt, und ein erheblicher Teil kommt innerhalb weniger Jahre zurück. Für deine Planung ist das die wichtigste Nebeninformation: Auswandern ist statistisch häufig kein Einbahnstraßenprojekt.
Wer das ernst nimmt, gestaltet den Wegzug so, dass eine Rückkehr möglich bleibt, ohne im Zwischenzustand steuerlich in Deutschland verhaftet zu bleiben. Das betrifft vor allem die Wohnung, die Krankenversicherung und laufende Verträge.
Was die Zielländer gemeinsam haben
Auffällig ist, dass unter den Hauptzielen kein einziges Niedrigsteuerland auftaucht. Schweiz, Österreich und Spanien sind keine Steueroasen, sie sind erreichbar, rechtssicher und vertraut. Das widerlegt die verbreitete Annahme, Auswanderung sei vor allem ein Steuerthema. Für die große Mehrheit zählen Arbeitsplatz, Familie, Klima und Lebenshaltungskosten, und Steuern werden erst danach relevant, meist dann, wenn Vermögen oder eine Firma im Spiel sind.
Der zweite gemeinsame Nenner ist die Sprache. Zwei der drei Hauptziele sind deutschsprachig, das dritte hat eine große deutschsprachige Gemeinde an den Küsten. Wer den Sprachwechsel scheut, wählt statistisch gesehen genau diese Ziele.
Wo die Statistik an ihre Grenzen stößt
Das Bundesamt weist selbst auf drei Einschränkungen hin, die du kennen solltest:
- Fortzüge werden unzuverlässiger erfasst als Zuzüge, weil sich viele Menschen beim Wegzug nicht abmelden. Ein Teil wird später von Amts wegen nachgeholt, ein Teil nie.
- Mehrfache An- und Abmeldungen innerhalb eines Jahres zählen mehrfach. Die Zahl der Vorgänge ist also höher als die Zahl der Personen.
- Die Statistik kennt keine Motive und keine Dauer. Offen bleibt damit, wer nach zwei Jahren zurückkehrt, und genau das ist bei den klassischen Zielen ein erheblicher Anteil.
Deshalb sind die Zahlen ein Trendindikator, keine Erfolgsbilanz. Wer daraus eine persönliche Entscheidung ableiten will, sollte die Motive dahinter verstehen. Dafür ist unser Beitrag zu den Faktoren für den Neuanfang im Ausland gedacht, ergänzt um die Datenaufbereitung in Zahlen zu deutschen Auswanderern und Wohin Deutsche auswandern.
Binnenwanderung als Kontrast
Ein oft übersehener Teil derselben Statistik: Innerhalb Deutschlands wurden 2025 rund 996.000 Umzüge über Bundeslandgrenzen registriert, ein Prozent weniger als im Vorjahr. Die größten Gewinne verzeichneten Brandenburg mit plus 9.000 Personen sowie Bayern und Schleswig-Holstein mit jeweils plus 8.000, die größten Verluste Berlin mit minus 12.000, Thüringen mit minus 6.000 und Nordrhein-Westfalen mit minus 5.000.
Der Vergleich lohnt, weil er die Größenordnungen zurechtrückt. Die Binnenwanderung ist rund zehnmal so groß wie die Nettoabwanderung ins Ausland. Wer über einen Ortswechsel nachdenkt, konkurriert also nicht nur mit Lissabon oder Zürich, sondern auch mit dem Umland der eigenen Stadt. Für viele ist ein Umzug innerhalb Deutschlands die schnellere Antwort auf Wohnkosten und Lebensqualität, während Auswandern die Antwort auf strukturelle Fragen wie Steuerlast, Klima oder berufliche Perspektive bleibt.
Was hinter dem Anstieg steckt
Aus der Beratungspraxis lassen sich vier Treiber benennen, die sich in den Zahlen nicht direkt ablesen lassen. Erstens die Abgaben- und Kostenbelastung, die vor allem Selbstständige und Gutverdiener bewegt. Zweitens die Ortsunabhängigkeit vieler Berufe, die einen Umzug überhaupt erst denkbar macht, siehe die Übersichten zu Visa für digitale Nomaden und dazu, was sich beim digitalen Nomadentum verändert. Drittens der Ruhestand, wo Kaufkraft den Ausschlag gibt, ausführlich in Die besten Länder zum Auswandern für Rentner. Und viertens ein wachsendes Interesse an Selbstversorgung und Unabhängigkeit, beschrieben in Als Selbstversorger auswandern.
Bemerkenswert ist, dass die Abwanderung überproportional Menschen mit Vermögen und Qualifikation betrifft. Wer geht, nimmt Steuersubstrat mit. Was das für die eigene Planung bedeutet, behandelt der Beitrag dazu, wie Auswanderer ihr Vermögen sichern.
Was die Zahlen für deine Planung bedeuten
Drei Schlüsse lassen sich aus der Statistik ziehen. Erstens: Der Weg innerhalb Europas ist der meistgewählte, weil er der einfachste ist. Wenn du unsicher bist, ist ein EU-Ziel der risikoärmste erste Schritt. Zweitens: Übersee ist Visumsache, nicht Geldsache. Plane dafür Jahre, nicht Monate. Drittens: Die hohe Rückkehrquote spricht dafür, den Wegzug reversibel zu gestalten, ohne dabei steuerlich in Deutschland hängen zu bleiben.
Praktisch heißt das: Prioritäten klären, wie in Auf die richtigen Prioritäten kommt es an beschrieben, dann die Finanzen durchrechnen, siehe Auf die finanzielle Planung kommt es an, dann den Ablauf abarbeiten mit unserer Checkliste zum Umzug ins Ausland und der Übersicht zum Umzug ins Ausland. Rechne fest damit, dass das Finanzamt nachfragt: Wie du die Fragen sauber beantwortest, erklären Fragen vom Finanzamt richtig beantworten und die Folge Tschüss Finanzamt. Wenn du deine Situation vorab prüfen lassen willst, geht das im Beratungsgespräch.
