Portugal ist das einzige westeuropäische Land, das den Hausunterricht nicht nur duldet, sondern ihn mit einer eigenen Verordnung sauber durchreguliert hat. Homeschooling in Portugal heißt ensino doméstico, ist als reguläre Bildungsmodalität anerkannt und läuft über eine Partnerschaft mit einer staatlichen Schule. Der Preis für diese Klarheit sind formale Anforderungen: ein Hochschulabschluss der verantwortlichen Person, ein Aufnahmegespräch und externe Prüfungen am Ende jedes Bildungszyklus. Dieser Beitrag führt dich Schritt für Schritt durch das Verfahren, Stand 2026. Die Grundmodelle erklärt unser Beitrag zur Online-Schule im Ausland.
Zwei Modelle, ein Rahmen
Das portugiesische Recht kennt zwei Formen außerhalb des Klassenverbands. Der ensino doméstico findet in der Wohnung des Kindes statt und wird von einem Familienmitglied oder einer Person geleitet, die mit dem Kind zusammenlebt. Der ensino individual wird von einer Lehrkraft erteilt, die die Erziehungsberechtigten benennen, und findet nicht zwingend zu Hause statt. Beide Formen sind gleichwertige Wege, die Schulpflicht zu erfüllen, sie unterscheiden sich nur in der Person, die den Unterricht verantwortet.
Rechtsgrundlage sind das Decreto-Lei 55/2018 und die Portaria n.º 69/2019, die Einschreibung, Begleitung und Zertifizierung regelt. Die Bildungsdirektion fasst die Regeln auf ihrer Seite zu Ensino Individual e Ensino Doméstico zusammen. Die Schulpflicht in Portugal reicht von 6 bis 18 Jahren und endet mit dem Abschluss der zwölften Klasse oder mit der Volljährigkeit.
So läuft die Einschreibung
Der Antrag geht an den Direktor der staatlichen Schule, die für deinen Wohnort zuständig ist. Er enthält die Darstellung des Sachverhalts, die rechtliche Begründung und den Nachweis der Qualifikation der verantwortlichen Person. Beim ensino doméstico muss diese Person mindestens einen Hochschulabschluss auf Bachelorniveau (licenciatura) vorweisen. Ein Lehramtsstudium wird nicht verlangt, ein abgeschlossenes Studium schon.
Die Anmeldung erfolgt in der regulären Einschreibungsperiode im Frühjahr. Die genauen Termine legt das Ministerium jedes Jahr per Erlass fest, deshalb solltest du sie im Februar prüfen und nicht im Juni. Die Einschreibung wird durch ein Gespräch abgeschlossen, zu dem die Schule das Kind und den Erziehungsberechtigten einlädt. Dabei geht es um das Kind und sein Bildungsprojekt, nicht um eine Prüfung.
Das Protokoll mit der Aufnahmeschule
Nach der Einschreibung schließt ihr ein Kooperationsprotokoll mit der escola de acolhimento, der aufnehmenden Schule. Darin steht, wie die Begleitung im Schuljahr aussieht, welche Ansprechpartner es gibt und wie der Austausch organisiert wird. Vorgesehen ist mindestens eine Präsenzsitzung am Ende des Schuljahres, an der Kind, verantwortliche Person und auf Wunsch die Eltern teilnehmen. Viele Schulen vereinbaren zusätzlich Zwischentermine.
Inhaltlich gilt der nationale Lehrplan mit dem Kompetenzprofil der Schülerinnen und Schüler als Bezugsrahmen. Unterrichts- und Prüfungssprache ist Portugiesisch. Das ist der Punkt, an dem deutschsprachige Familien am häufigsten unterschätzen, wie viel Vorlauf nötig ist.
Prüfungen an den Zyklusenden
Portugal kontrolliert nicht laufend, sondern an klar definierten Punkten. Dein Kind legt in den Endjahren der Bildungszyklen Prüfungen ab, also im 4., 6. und 9. Schuljahr, jeweils als selbst angemeldeter Kandidat. Wo landesweite Abschlussprüfungen im Grundschulbereich oder nationale Prüfungen in der Sekundarstufe vorgesehen sind, treten diese an die Stelle der Äquivalenzprüfungen. In der Sekundarstufe führen die exames nacionais zum Abschluss und zugleich zur Hochschulzugangsberechtigung.
Für Kinder mit körperlichen, sensorischen, kognitiven oder sozial-emotionalen Beeinträchtigungen, die externe Prüfungen nicht ablegen können, gibt es seit 2025 eine Befreiungsregelung, die sie mit Kindern in Regelschulen gleichstellt. Damit ist eine lange bestehende Ungleichbehandlung ausgeräumt.
Zwischen den Zyklusenden hast du erhebliche Freiheit. Es gibt keine wöchentliche Berichtspflicht, keine Hausbesuche und keine Stundenkontrolle. Diese Kombination aus Freiheit im Alltag und klaren Prüfungspunkten macht Portugal für strukturierte Familien so attraktiv.
Was Zuzügler zusätzlich brauchen
EU-Bürger registrieren ihren Aufenthalt bei der Gemeinde, Drittstaatsangehörige brauchen ein passendes Visum und die Registrierung bei der Migrationsbehörde. Voraussetzung für die Einschreibung ist eine Adresse im Schulbezirk und eine portugiesische Steuernummer. Was formal zu erledigen ist, steht im Leitfaden Portugal Einreise, Visum und Aufenthalt, den Familienalltag beschreibt unser Beitrag Mit Kindern nach Portugal. Vor dem Umzug lohnt der Blick in die Länderinformationen des Auswärtigen Amts.
Der Sprachaufbau gehört an den Anfang der Planung, nicht ans Ende. Kinder unter zehn erreichen in ein bis zwei Jahren ein Niveau, das für Prüfungen trägt, ältere brauchen gezielten Unterricht. Viele Familien kombinieren deshalb den portugiesischen Rahmen mit einer deutschsprachigen Online-Schule, um Fachinhalte im vertrauten System zu halten. Die Unterschiede der Modelle erklärt der Beitrag Homeschooling oder Online-Schule, ergänzend hilft Online-Schule bei Umzug bei der Anbieterwahl.
Wie der Lernalltag aussieht
Weil Portugal keine Stundenkontrolle kennt, gestalten Familien den Tag sehr unterschiedlich. Verbreitet ist ein Modell mit konzentrierten Vormittagen für Sprache, Mathematik und Naturwissenschaften und offenen Nachmittagen für Projekte, Sport und Musik. Andere arbeiten in Blöcken, etwa drei intensive Wochen gefolgt von einer Projektwoche. Entscheidend ist nicht der Rhythmus, sondern dass der Stoff der Zyklusprüfung am Ende abgedeckt ist.
Praktisch bewährt hat sich ein Rückwärtsplan: Du nimmst die Lernziele des Zyklus, verteilst sie auf die Jahre und legst pro Halbjahr fest, was erreicht sein soll. Portfolios mit Arbeitsproben sind dabei nicht vorgeschrieben, erleichtern aber das Gespräch mit der Aufnahmeschule erheblich und geben dir selbst einen Überblick.
Der ensino individual ist die Variante für Familien, in denen niemand den geforderten Hochschulabschluss mitbringt oder die Zeit dafür fehlt. Die Erziehungsberechtigten benennen dann eine Lehrkraft, die den Unterricht verantwortet. In Regionen mit vielen Auswandererfamilien haben sich dafür kleine Netzwerke gebildet, die Lehrkräfte und Lerngruppen vermitteln.
Kosten, Regionen und Gemeinschaft
Der ensino doméstico selbst kostet nichts, weil Einschreibung, Begleitung und Prüfungen zum Auftrag der staatlichen Schule gehören. Du zahlst Lehrmittel, Material und optionale Kurse, realistisch 300 bis 800 Euro pro Kind und Jahr. Kommt eine Fernschule dazu, rechne mit 60 bis 200 Euro monatlich. Damit ist Portugal eines der günstigsten Modelle in Westeuropa.
Familien im Hausunterricht konzentrieren sich vor allem an der Algarve, im Großraum Lissabon, in der Region Silberküste und rund um Porto. Dort existieren Lerngruppen, gemeinsame Projekte und Prüfungsvorbereitung. Die Zahl der eingeschriebenen Kinder ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, was auch dazu geführt hat, dass viele Schulen das Verfahren inzwischen routiniert abwickeln. Frage bei der Schulwahl gezielt nach der Zahl der bereits betreuten Fälle, das erspart dir Grundsatzdiskussionen.
Die steuerliche Seite gehört zur Gesamtplanung: Die Eckdaten zum portugiesischen System, einschließlich der Sonderregelungen für Zuzügler, findest du im Steueratlas. Wer Wohnsitz, Struktur und Bildung zusammen sortieren will, bucht am besten ein Beratungsgespräch zu Portugal.
Häufige Fehler beim Einstieg
- Antrag zu spät gestellt, weil die jährlichen Fristen nicht geprüft wurden
- Qualifikationsnachweis der verantwortlichen Person fehlt oder ist nicht anerkannt
- Portugiesisch wird erst nach dem Umzug aufgebaut, obwohl geprüft wird
- Zyklusprüfungen im 4., 6. und 9. Jahr werden zu spät eingeplant
- Kein Kontakt zur Aufnahmeschule während des Schuljahres
Alle fünf Punkte lassen sich mit einem Jahr Vorlauf vermeiden. Wer im Sommer umziehen will, beginnt im Herbst davor mit Schulauswahl und Sprachaufbau.
Dein Fahrplan für den Ensino Doméstico
Die Reihenfolge ist einfach und entscheidet trotzdem über ein ganzes Schuljahr. Erstens: Wohnort und zuständige Schule klären. Zweitens: Qualifikationsnachweis der verantwortlichen Person vorbereiten. Drittens: Antrag in der Einschreibungsperiode stellen und das Gespräch wahrnehmen. Viertens: Protokoll mit der Aufnahmeschule schließen. Fünftens: Prüfungstermine der Zyklusenden im Kalender fixieren.
Was der Wegzug aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz voraussetzt, ordnet der Beitrag Schulpflicht umgehen ein, ergänzt um die Sicht unserer Kanzlei St Matthew, unseren Ratgeber Homeschooling im Ausland, das Fallbeispiel einer Homeschooling-Familie und die Länderübersicht wo Hausunterricht legal ist.








