Die Ukraine hat eines der liberalsten Bildungsgesetze Europas. Hausunterricht ist dort keine Duldung, sondern eine ausdrücklich vorgesehene Form des Bildungserwerbs, die jede Familie ohne medizinische Begründung wählen kann. Gleichzeitig herrscht Krieg, und das Auswärtige Amt warnt vor Reisen in das gesamte Land. Beides gehört in dieselbe Betrachtung, sonst wird aus einem guten Gesetz ein schlechter Rat.
Die Rechtslage
Grundlage ist das Gesetz über Bildung Nr. 2145-VIII aus dem Jahr 2017. Es zählt in Artikel 9 die zulässigen Formen des Bildungserwerbs auf, darunter ausdrücklich die familiäre, also häusliche Form. Ergänzt wird es durch das Gesetz über die vollständige allgemeine Sekundarbildung Nr. 463-IX von 2020. Die Schulpflicht beginnt mit sechs Jahren und umfasst die vollständige allgemeine Sekundarbildung.
Die Verordnung von 2019 als Wendepunkt
Bis 2019 mussten Eltern nachweisen, dass ihr Kind aus gesundheitlichen Gründen keine Schule besuchen kann. Diese Hürde ist gefallen. Mit dem Erlass des Bildungsministeriums Nr. 955 vom 10. Juli 2019 wurde die Verordnung über die individuellen Formen des Bildungserwerbs neu gefasst. Seither genügt der Antrag der Eltern, und die Schule des Wohnbezirks darf die Aufnahme in dieser Form nicht verweigern.
Wie der Ablauf praktisch aussieht
Du wählst eine Schule und meldest dein Kind dort an. Die Schule bleibt formal verantwortlich, auch wenn den Unterricht die Familie organisiert. Bewertet wird semesterweise und am Jahresende; auf Wunsch können zusätzliche formative Bewertungen im individuellen Lernplan vereinbart werden, wobei dafür pro Schuljahr höchstens vier Schultage vorgesehen sind. Eltern dürfen weitere Bildungsanbieter per Vertrag einbinden. Der Bildungsombudsmann der Ukraine erklärt den Ablauf unter Familiäre und häusliche Form des Bildungserwerbs im Detail.
Damit ist die Ukraine dem österreichischen Modell ähnlich, aber unbürokratischer: kein jährliches Reflexionsgespräch, keine Externistenprüfung mit Alles-oder-nichts-Charakter, sondern reguläre Bewertung durch die Schule, an der dein Kind eingeschrieben bleibt.
Der Krieg als bestimmender Faktor
Seit Februar 2022 gilt das Kriegsrecht. Der Schulbetrieb läuft in weiten Teilen des Landes im Fernunterricht oder im Wechselmodell, Luftalarme unterbrechen den Tag, und die Infrastruktur ist regional stark beschädigt. Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen in die Ukraine und fordert deutsche Staatsangehörige zum Verlassen des Landes auf; die aktuellen Hinweise stehen auf der Ukraine-Seite des Auswärtigen Amts.
Für dich als Familie aus dem deutschsprachigen Raum heißt das: Ein Umzug in die Ukraine ist derzeit kein sinnvoller Weg zur Bildungsfreiheit. Das gute Gesetz bleibt trotzdem relevant, nur eben in anderen Konstellationen.
Für wen die ukrainische Regelung heute zählt
Familien mit ukrainischen Wurzeln
Wer ukrainische Staatsangehörigkeit oder familiäre Bindungen hat, kann sein Kind an einer ukrainischen Schule in der familiären Form einschreiben und den Unterricht von einem anderen Land aus organisieren. Der digitale Schulbetrieb macht das seit 2022 praktikabel.
Ukrainische Online-Schulen als Baustein
Die digitale Bildungsinfrastruktur hat sich seit Kriegsbeginn stark entwickelt; Materialien, Plattformen und Online-Schulangebote sind heute breit verfügbar. Für zweisprachige Familien kann das ein guter Zusatzbaustein sein, auch wenn der Hauptlehrplan aus dem deutschsprachigen Raum kommt. Die Abgrenzung zwischen den Modellen erklärt der Beitrag zu Homeschooling und Online-Schule.
Rückkehrplanung nach Kriegsende
Wenn du die Ukraine mittelfristig im Blick behältst, lohnt es sich, die Regelung im Auge zu behalten. Sie ist die liberalste in der Region und bleibt es voraussichtlich auch nach dem Krieg.
Vergleich zu Deutschland, Österreich und der Schweiz
In Deutschland besteht eine strikte Schulpflicht ohne Ausnahme für Homeschooling; Verstöße werden mit Bußgeldern und Auflagen verfolgt. Österreich erlaubt häuslichen Unterricht nach Anzeige und verlangt jährlich eine Externistenprüfung. Die Schweiz regelt die Frage kantonal, mit Bewilligungspflicht und teils sehr restriktiver Praxis.
Die Ukraine liegt klar davor: Sie kennt die Form, verlangt keinen Grund und bindet sie an eine Schule, die weiter bewertet. Was in Deutschland Bildung ohne Staatskontrolle genannt und verboten wird, ist dort geordneter Normalfall. Welche Möglichkeiten sich daraus ergeben, hängt allein an deiner Lebenssituation.
Was die familiäre Form konkret verlangt
Der Antrag
Der Antrag geht an die Schule, nicht an eine zentrale Behörde. Beigelegt werden die üblichen Unterlagen für die Einschreibung: Geburtsurkunde, Nachweis der Wohnadresse und die bisherigen Zeugnisse. Ein Attest oder ein pädagogisches Gutachten ist seit 2019 nicht mehr erforderlich. Die Schule meldet die Einschreibung in dieser Form den zuständigen Kinderschutzstellen, was Teil des Verfahrens ist und kein Misstrauenssignal.
Der individuelle Lernplan
Schule und Eltern legen einen individuellen Lernplan fest. Er beschreibt Fächer, Ziele und die Termine der Bewertung. Genau hier entsteht der Spielraum: Reihenfolge, Methode und Tagesstruktur bestimmst du, den Standard setzt der Staat. Verhandle den Plan schriftlich, sonst entstehen im Laufe des Jahres Erwartungen, die niemand vereinbart hat.
Wenn die Bewertung nicht reicht
Bleiben die Leistungen dauerhaft hinter dem Standard zurück, kann die Schule auf eine Rückkehr in den Präsenzunterricht dringen. Das ist der wesentliche Unterschied zu einem völlig unbeaufsichtigten Modell und zugleich der Grund, warum ukrainische Zeugnisse aus der familiären Form denselben Wert haben wie aus dem Regelunterricht.
Organisation, Material und Abschlüsse
Lehrplan und Materialien
Für die familiäre Form gilt der staatliche Standard, die Umsetzung ist frei. Familien nutzen ukrainische Lehrbücher, digitale Plattformen und zunehmend Angebote internationaler Anbieter. Wer parallel einen deutschsprachigen Abschluss anstrebt, kombiniert die ukrainische Einschreibung mit einer deutschen Fernschule. Die Unterschiede zwischen den Modellen erklärt der Grundlagentext zu Hausunterricht und Online-Schule, weitere Details liefert der Überblick zu Homeschooling im Ausland.
Abschlüsse und Anerkennung
Ukrainische Schulabschlüsse werden in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht automatisch anerkannt, sondern von den Zeugnisanerkennungsstellen der Länder und Kantone einzeln bewertet. Wer eine Rückkehr für wahrscheinlich hält, sollte parallel einen international gängigen Abschluss ansteuern, etwa IGCSE und A-Levels oder das IB-Diplom. Entscheide die Abschlussfrage spätestens am Ende der Mittelstufe, weil ein späterer Wechsel fast immer ein Schuljahr kostet.
Kontakte und Alltag
Lerngemeinschaften und Elterngruppen existieren vor allem in den größeren Städten und zunehmend online. Für Kinder ohne täglichen Schulbesuch sind Vereine, Musikschulen und Projektgruppen die wichtigsten Kontaktpunkte. Plane sie so verbindlich ein wie Unterrichtsstunden.
Häufige Missverständnisse
Das erste Missverständnis: Die familiäre Form sei ein Weg, die Schule ganz zu verlassen. Das Gegenteil trifft zu, dein Kind bleibt eingeschrieben und wird bewertet. Das zweite: Ausländische Familien könnten die Regelung ohne Wohnsitz in der Ukraine nutzen. Die Einschreibung setzt eine Anbindung an eine ukrainische Schule voraus, in der Regel über Wohnsitz oder Staatsangehörigkeit.
Das dritte Missverständnis betrifft die Anerkennung: Ein ukrainisches Zeugnis aus der familiären Form ist im Inland gleichwertig, im Ausland aber genauso anerkennungsbedürftig wie jedes andere ukrainische Zeugnis. Rechne die Anerkennung immer für das Zielland durch, nicht für das Ausstellungsland.
Finanzen und Steuern
Die familiäre Form ist kostenfrei, weil die Einschreibung an einer staatlichen Schule nichts kostet. Kosten entstehen für Material, Zusatzangebote und gegebenenfalls eine parallele Fernschule. Auf der anderen Seite steht die Frage nach dem Wohnsitz: Wer aus dem deutschsprachigen Raum wegzieht, muss die steuerlichen Konsequenzen des Umzugs sauber klären, sonst bleibt die dortige unbeschränkte Steuerpflicht bestehen.
Wie so ein Weg praktisch aussieht, zeigt unser Fallbeispiel zu einer Homeschooling-Familie. Für die individuelle Planung bietet unsere Kanzlei St Matthew ein Beratungsgespräch an.
Wie du die Ukraine jetzt einordnest
Rechtlich ist die Ukraine ein Vorbild: Seit 2019 reicht der Wille der Eltern, die Schule muss aufnehmen, und der Nachweis läuft über reguläre Bewertungen statt über eine einzige Jahresprüfung. Praktisch verbietet sich ein Umzug wegen des Krieges und der Reisewarnung von selbst.
Nutze die ukrainische Regelung dort, wo sie passt: bei familiären Bindungen, bei zweisprachigen Kindern oder als Ergänzung zum europäischen Lehrplan. Für einen tatsächlichen Wohnsitzwechsel schau in den Überblick unter Homeschooling im Ausland und wähle ein Land, das rechtliche Freiheit und Sicherheit zugleich bietet.







