Homeschooling in Kanada ist in allen Provinzen und Territorien erlaubt. Das sagt allerdings wenig darüber aus, was auf dich zukommt, denn Bildung ist in Kanada ausschließlich Sache der Provinzen. Zwischen Ontario, wo eine formlose schriftliche Mitteilung genügt, und Québec, wo du ein vollständiges Lernprojekt beim Ministerium einreichst und dich Zwischenbewertungen stellst, liegt der gesamte Regulierungsbereich. Die eigentliche Entscheidung fällt deshalb nicht beim Land, sondern bei der Provinz.
Die gemeinsame Grundlage
Jede Provinz hat ein eigenes School Act oder Education Act mit einer Schulpflicht. Diese Pflicht beginnt in der Regel mit sechs Jahren und endet je nach Provinz zwischen sechzehn und achtzehn. Erfüllt wird sie durch eine öffentliche Schule, eine unabhängige Schule oder ein ordnungsgemäß angezeigtes oder registriertes Home-Education-Programm. Kein Formular auszufüllen ist in keiner Provinz eine Option, auch wenn die Formulare sehr unterschiedlich anspruchsvoll sind.
Ein zweiter gemeinsamer Nenner: Kanada prüft in der Regel nicht die Qualifikation der Eltern. Ein Lehrerdiplom ist nirgends Voraussetzung. Geprüft wird, ob ein Programm existiert, ob es angezeigt wurde und, je nach Provinz, ob es zu Ergebnissen führt.
Ontario: Mitteilung statt Genehmigung
Ontarios Education Act befreit ein Kind von der Schulbesuchspflicht, wenn es zu Hause oder anderswo zufriedenstellenden Unterricht erhält. Wie das administrativ läuft, regelt das Policy/Program Memorandum 131. Danach reichen Eltern jährlich vor Schuljahresbeginn eine schriftliche Absichtserklärung beim zuständigen Schulamt ein, sobald ein Kind dort bereits eingeschult war. Das Schulamt genehmigt nicht, sondern nimmt die Erklärung als Nachweis zufriedenstellenden Unterrichts entgegen. Nachgeprüft wird nur bei konkreten Anhaltspunkten. Den Wortlaut findest du beim Policy/Program Memorandum 131 der Regierung von Ontario.
Für Familien, die aus Deutschland kommen, ist das der leichteste Einstieg in Nordamerika: ein Brief pro Jahr, kein Lehrplan, keine Tests, keine Hausbesuche im Normalfall.
Québec: das anspruchsvollste Verfahren
Québec hat sein Recht in den letzten Jahren deutlich formalisiert. Der Ablauf besteht aus zwei Schritten mit harten Fristen. Erstens: eine jährliche schriftliche Mitteilung an die Direction de l'enseignement à la maison des Bildungsministeriums und an das zuständige Schulzentrum, einzureichen spätestens am 1. Juli oder binnen zehn Tagen nach dem letzten Schulbesuch. Zweitens: ein Dokument, das das Lernprojekt des Kindes beschreibt, einzureichen und umzusetzen spätestens zum 30. September.
Inhaltlich muss das Lernprojekt auf Kenntnisse und Kompetenzen der Pflichtprogramme zielen, konkret in Unterrichtssprache, Zweitsprache, Mathematik, Naturwissenschaft und Technik sowie Gesellschaftswissenschaften. Dazu kommen Zwischenbilanzen und je nach gewähltem Weg Prüfungen des Ministeriums. Den vollständigen Ablauf beschreibt die Regierung von Québec auf ihrer Seite zum Homeschooling. Wer die Fristen verpasst, riskiert, dass das Kind eingeschult werden muss.
Alberta: zwei Modelle, eines mit Geld
Alberta arbeitet nach der Home Education Regulation mit einem Anzeigeformular, das es in zwei Varianten gibt. Entweder wird das Programm von einer aufnahmebereiten Schulbehörde oder einer akkreditierten unabhängigen Schule begleitet, oder es läuft ohne diese Begleitung. Der begleitete Weg ist förderfähig, dafür kommt eine beauftragte Person zweimal jährlich zu einem Gespräch und sieht sich die Arbeiten an. Die Formulare und Bedingungen stehen bei der Regierung von Alberta zum Thema Home Education. Für Familien mit knappem Budget ist Alberta damit die interessanteste Provinz, weil ein Teil der Materialkosten erstattet wird.
British Columbia: Registrierung ist Pflicht
In British Columbia schreibt Abschnitt 13 des School Act vor, dass Eltern ihr Kind bis spätestens 30. September jedes Jahres bei einer Schule ihrer Wahl registrieren. Registrierung ist nicht dasselbe wie Einschreibung: Das Kind besucht die Schule nicht, sondern ist dort lediglich als Homeschooler geführt. Die Schule stellt Basisressourcen bereit, bewertet aber nicht. Wer nicht registriert, begeht nach dem School Act eine Ordnungswidrigkeit. Einzelheiten stehen in der Homeschooling Policy der Provinz British Columbia.
Daneben gibt es in British Columbia das Modell Distributed Learning, bei dem das Kind an einer Fernschule eingeschrieben ist, von zertifizierten Lehrkräften begleitet wird und reguläre Abschlüsse erwirbt. Wer den Provinzabschluss anstrebt, wählt diesen Weg statt der reinen Registrierung.
Saskatchewan, Manitoba, Nova Scotia, New Brunswick, Neufundland und Labrador, Prince Edward Island sowie die drei Territorien verlangen ebenfalls eine Anzeige oder Registrierung, meist verbunden mit einer kurzen Programmbeschreibung und einem jährlichen Bericht. Der Aufwand liegt zwischen dem von Ontario und dem von Québec. Prüfe die Fristen der Zielprovinz, bevor du den Umzugstermin festlegst, denn die meisten Provinzen arbeiten mit Stichtagen im Sommer.
Was du in jeder Provinz dokumentieren solltest
Selbst dort, wo niemand Berichte verlangt, lohnt sich eine ordentliche Mappe pro Kind und Schuljahr: Lernziele je Fach, Wochenübersichten mit geleisteten Stunden, datierte Arbeitsproben, Ergebnisse von Tests und eine Leseliste. In Alberta ist sie Grundlage der zweimal jährlichen Gespräche, in Québec Basis der Zwischenbilanz, in Ontario deine Absicherung, falls das Schulamt doch einmal nachfragt. Für einen späteren Wechsel an eine kanadische Schule ist sie das Dokument, anhand dessen eingestuft wird.
Ebenso wichtig ist der Umgang mit mitgebrachten Zeugnissen. Lasse die letzten Schulzeugnisse deiner Kinder vor der Ausreise übersetzen und beglaubigen, denn Schulämter und Fernschulen verlangen sie bei jeder Einstufung. Nachträglich aus Kanada Unterlagen aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz zu beschaffen, kostet unnötig Wochen.
Gilt das auch für Zuwandererfamilien?
Die Schulpflicht der Provinzen knüpft an Kinder an, die dort wohnen, nicht an ihre Staatsangehörigkeit. Wenn deine Familie mit gültigem Status in Kanada lebt, gelten dieselben Anzeigepflichten und dieselben Rechte. Ein wichtiger Unterschied betrifft die Finanzierung: Gebührenfreier Schulbesuch und provinziale Förderungen setzen in der Regel einen bestimmten Aufenthaltsstatus voraus. Kläre deshalb vor dem Umzug schriftlich mit dem Schulamt der Zielprovinz, ob die Kinder mit eurem Visum als Anspruchsberechtigte gelten und ob ein Home-Education-Programm anerkannt wird.
Ein praktischer Nebenaspekt: Das kanadische Bildungssparprogramm RESP steht auch Kindern offen, die zu Hause unterrichtet werden. Der Bund legt auf Einzahlungen einen Zuschuss von zwanzig Prozent bis zu 500 CAD pro Jahr drauf. Voraussetzung sind eine Sozialversicherungsnummer und die Ansässigkeit des Kindes in Kanada; ausgezahlt werden die Mittel erst bei Aufnahme eines anerkannten Studiums oder einer anerkannten Ausbildung.
Abschlüsse planen
Der Schulabschluss wird in Kanada von der jeweiligen Provinz vergeben und setzt in der Regel voraus, dass die Kurse über eine anerkannte Schule oder eine Fernschule der Provinz absolviert werden. Für Home-Education-Familien führen deshalb drei Wege zum Ziel: Wechsel an eine reguläre Schule für die letzten Jahre, Einschreibung an einer provinzialen Fernschule wie im Modell Distributed Learning, oder ein internationales Programm mit eigenen Prüfungen. Viele kanadische Universitäten haben zudem eigene Zulassungswege für Homeschooler mit Portfolio und standardisierten Tests. Kläre die Anforderungen deiner Wunschuniversität zwei Jahre vor dem Abschluss, weil sich daraus die Kurswahl ergibt.
Alltag und Netzwerke
Kanada hat große, aktive Homeschool-Netzwerke mit Co-ops, Sportgruppen und Museumsprogrammen, besonders im Großraum Toronto, in Alberta und im Süden von British Columbia. Bibliotheken sind hervorragend ausgestattet und kostenlos. Rechne mit langen Wintern, in denen der Lernalltag fast vollständig drinnen stattfindet, und mit erheblichen Entfernungen außerhalb der Ballungsräume. In dünn besiedelten Regionen ersetzt eine gute Internetverbindung viel, aber nicht alles.
Auf der Heimatseite gilt wie überall: Solange dein Kind in Deutschland gemeldet ist, läuft die dortige Schulpflicht weiter. Erst der vollzogene Wegzug beendet sie. Wie du Wohnsitz, Meldung, Wegzugsbesteuerung und kanadische Steuerpflicht zusammenbringst, besprichst du in einem Beratungsgespräch zum Umzug nach Kanada. Weitere Zielländer vergleichst du im Leitfaden Homeschooling im Ausland.
Deine Provinzwahl ist die eigentliche Entscheidung
Kanada ist eines der wenigen Länder, in denen Hausunterricht überall legal, gut dokumentiert und behördlich eingespielt ist. Der Aufwand hängt allein davon ab, wo du wohnst. Ontario ist der leichteste Einstieg, Alberta der finanziell attraktivste, British Columbia der strukturierteste und Québec der anspruchsvollste. Triff die Entscheidung in dieser Reihenfolge: Aufenthaltsstatus klären, Provinz nach Regulierungstiefe und Arbeitsmarkt wählen, Fristen der Provinz notieren, Lernprogramm schreiben, dann umziehen. Wer die Fristen kennt, hat in Kanada praktisch keine Reibung mehr.






