Die Abwanderung vermögender Deutscher ist von einem Nischenthema zu einer Standortfrage geworden. Laut dem Henley Private Wealth Migration Report verliert Deutschland 2025 erstmals netto Millionäre: Rund 400 Dollar-Millionäre mehr verließen das Land, als zuzogen. Über Jahre hatten sich Zu- und Abwanderung in dieser Gruppe ungefähr die Waage gehalten.
Für 2026 hat Henley die Methodik geändert und die frühere Kopfzahl durch eine Bewertung der Standortfaktoren ersetzt. Berichtet wird stattdessen ein Anstieg der Anfragen deutscher Staatsangehöriger um rund 16 Prozent zwischen Ende 2025 und Anfang 2026. Belastbar bleibt also die Richtung, nicht die Nachkommastelle. Wer sich die Zahlen und Trends deutscher Auswanderer ansieht, erkennt dasselbe Muster in der breiten Statistik.
Was die amtliche Statistik zeigt
Die Wanderungsstatistik des Statistischen Bundesamts liefert den nüchternen Rahmen. 2025 gab es rund 1,48 Millionen Zuzüge und etwa 1,25 Millionen Fortzüge über die Grenzen Deutschlands. Die Nettozuwanderung sank auf rund 235.000 Personen, ein Rückgang um 45 Prozent gegenüber 430.000 im Jahr 2024.
Bei deutschen Staatsangehörigen zeigt sich das umgekehrte Bild: 288.579 Deutsche wanderten 2025 aus, rund 190.000 kehrten zurück. Der Wanderungsverlust deutscher Staatsangehöriger lag bei etwa 97.000 Personen, nach 81.000 im Vorjahr. Seit 2005 verzeichnet Deutschland durchgehend eine Nettoabwanderung eigener Staatsangehöriger. Zum Vergleich: 2023 wurden rund 1,3 Millionen Fortzüge registriert, davon etwa 265.000 Deutsche, was damals als Höchststand galt.
Wichtig für die Einordnung: Die amtliche Statistik erfasst keine Vermögen. Aussagen über Millionäre stammen aus privaten Erhebungen und sind Schätzungen. Die Entwicklung der Auswanderungsquoten lässt sich dagegen belastbar nachvollziehen.
Wohin vermögende Deutsche gehen
Die Zielstruktur ist über Jahre stabil. Vorn liegen die Schweiz und Österreich, gefolgt von den USA. In der amtlichen Statistik führte 2025 die Schweiz mit rund 23.000 Fortzügen, vor Österreich mit 14.000 und Spanien mit 10.000.
Bei Vermögenden kommen weitere Ziele hinzu: Großbritannien, Singapur, die Vereinigten Arabischen Emirate und Monaco. Auch Portugal und Malta tauchen regelmäßig auf, dort hat sich die Lage allerdings verändert. Eine breitere Übersicht bieten die Aufstellungen der beliebtesten Auswanderungsziele und der Zielländer deutscher Auswanderer.
Zwei Korrekturen sind wichtig, weil sie in älteren Ratgebern noch falsch stehen. Erstens Portugal: Die Immobilienroute des Golden Visa ist seit 2023 geschlossen, der NHR-Status ist durch das IFICI-Regime ersetzt, und die Einbürgerung setzt seit der Lei Orgânica 1/2026 zehn Jahre legale Residenz voraus, für EU- und CPLP-Angehörige sieben.
Zweitens Malta: Der Europäische Gerichtshof hat das maltesische Investorenbürgerschaftsprogramm am 29. April 2025 für unionsrechtswidrig erklärt, Malta hat es daraufhin eingestellt. Wer heute über Malta nachdenkt, spricht über Aufenthalt und Non-Dom-Besteuerung, nicht über einen gekauften EU-Pass. Auch karibische Programme sind teurer und strenger geworden. Wer Vermögen international aufstellen will, findet praktische Einordnung in der Darstellung, wie Auswanderer ihr Vermögen sichern, und in der Übersicht zum Vermögensschutz.
Wer geht und warum
Der typische Wegzug betrifft die Altersgruppe zwischen 40 und 60, oft Unternehmerinnen und Unternehmer nach einem Verkauf oder vor einer Nachfolgeregelung. Stark vertreten sind Technologie, Finanzdienstleistungen sowie Medizin und Pharmazie. Häufig zieht das Unternehmen mit oder es entsteht eine neue Gesellschaft im Zielland.
Ein zweites Muster fällt in der Beratungspraxis auf: Der Wegzug wird meist an einem Lebensereignis ausgelöst, nicht an einer Steuerreform. Ein Unternehmensverkauf, das Ende der Schulzeit der Kinder, eine Scheidung oder ein Gesundheitsereignis geben den Anstoß, die Rahmenbedingungen liefern nur die Richtung. Das erklärt, warum sich die Zahlen langsam bewegen und warum sie sich nach einem Auslöser kaum noch zurückdrehen lassen.
Die Motive sind selten rein steuerlich. Genannt werden Steuer- und Abgabenlast, Bürokratie, Energiekosten, Planungsunsicherheit und die Sorge um die politische Entwicklung. Bei jüngeren Vermögenden kommt der Wunsch nach internationaler Diversifizierung dazu, wie die Auswertung zu den Motiven junger Auswanderer zeigt. Warum Schwellenländer dabei an Bedeutung gewinnen, ordnet die Folge über Schwellenländer für Deutsche mit Vermögen ein.
Die steuerliche Realität des Wegzugs
Hier liegt der Kern, und hier scheitern die meisten Pläne. Wer Anteile an Kapitalgesellschaften hält, unterliegt beim Wegzug der Wegzugsbesteuerung nach Paragraf 6 des Außensteuergesetzes. Besteuert wird ein fiktiver Veräußerungsgewinn, obwohl kein Euro geflossen ist. Erfasst sind Beteiligungen ab einem Prozent, und seit 2022 gilt die Regelung auch innerhalb der EU ohne unbefristete zinslose Stundung, stattdessen ist eine Ratenzahlung über sieben Jahre gegen Sicherheitsleistung möglich.
Dazu kommen Fragen, die nichts mit Prozentsätzen zu tun haben: Wann endet die unbeschränkte Steuerpflicht tatsächlich, greift die erweiterte beschränkte Steuerpflicht, was passiert mit deutschen Immobilien, und welches Land besteuert nach Doppelbesteuerungsabkommen was. Die Zusammenhänge erklärt die Darstellung der steuerlichen Konsequenzen eines Umzugs ins Ausland.
Die Reihenfolge entscheidet über die Kosten: erst Struktur und Bewertung klären, dann abmelden. Wer zuerst umzieht und danach fragt, verhandelt aus der schwächeren Position. Ein Beratungsgespräch vor dem Wegzugstermin ist an dieser Stelle die günstigste Investition des ganzen Projekts.
Staatsangehörigkeit und zweiter Pass
Für Deutsche hat sich die Lage entspannt: Seit dem 27. Juni 2024 ist Mehrstaatigkeit generell zulässig, der deutsche Pass muss bei einer Einbürgerung im Ausland also nicht mehr aufgegeben werden. Der Erwerb einer weiteren Staatsbürgerschaft dauert dennoch Jahre und setzt in der Regel tatsächlichen Aufenthalt, Sprachkenntnisse und Integration voraus.
Investitionsprogramme verkürzen diesen Weg nur in wenigen Staaten, und der politische Druck auf solche Programme wächst, wie das Malta-Urteil zeigt. Für Aufenthaltstitel gegen Investition gilt das weniger, dort ist das Angebot weiterhin breit, etwa in Liechtenstein oder über Programme im Mittelmeerraum. Einen Überblick über Zweitpass- und Aufenthaltsoptionen gibt Plan B Projekt.
Was der Wegzug volkswirtschaftlich bedeutet
Der Effekt entsteht weniger über verlorene Einkommensteuer als über verlagerte Unternehmen, Investitionen und Arbeitsplätze. Wenn Gründerinnen und Gründer ihre nächste Gesellschaft im Ausland aufsetzen, wandert nicht nur ein Steuerpflichtiger ab, sondern eine künftige Wertschöpfungskette. Die Zusammenhänge beschreibt die Analyse zur steigenden Abwanderung.
Parallel verliert Deutschland überdurchschnittlich viele hochqualifizierte Fachkräfte trotz guter Jobaussichten. Beides zusammen verschärft den Fachkräftemangel in IT, Ingenieurwesen und Gesundheitswesen und belastet die Sozialversicherungssysteme, weil Beitragszahler fehlen. Welche Gründe hinter der breiteren Auswanderungswelle stehen, ist gut dokumentiert.
Gleichzeitig lohnt der Realismus: Ein dramatischer Exodus findet nicht statt. Familiäre Bindungen, Kundenbeziehungen und der deutsche Markt halten viele im Land. Die Bewegung ist relevant, aber sie ist eine Verschiebung an den Rändern, keine Massenflucht.
Praktische Schritte, wenn du selbst zu dieser Gruppe gehörst
Ordne das Projekt in vier Blöcke, dann bleibt es beherrschbar.
- Bestandsaufnahme: Beteiligungen, Immobilien, Depots, Lebensversicherungen und laufende Verträge auflisten, inklusive stiller Reserven.
- Zielland: nach Aufenthaltsrecht, Besteuerung, Bankfähigkeit und Lebensqualität auswählen, nicht nach Steuersatz allein.
- Struktur: Wegzugsbesteuerung, Betriebsstätten und Doppelbesteuerungsabkommen vor dem Umzug klären, Bewertungsgutachten rechtzeitig beauftragen.
- Umsetzung: Aufenthaltstitel sichern, Bankverbindungen aufbauen, abmelden, Wohnsitz sauber begründen und dokumentieren.
Für die Bankseite gilt: Konten im Zielland brauchen Zeit und Nachweise, ein zweites Konto außerhalb der Eurozone ist Vorsorge, kein Selbstzweck. Einen Einstieg bietet die Übersicht zum Auslandskonto. Die Länderprofile mit Steuer- und Aufenthaltsdetails findest du bei Wohnsitz Ausland, unter anderem zu Bulgarien und Australien.
Was aus den Zahlen folgt
Für Deutschland ist die Botschaft unbequem, aber einfach: Standortentscheidungen vermögender Menschen folgen Planbarkeit, nicht nur Steuersätzen. Wer Bürokratie abbaut, Bewertungsverfahren beschleunigt und Regeln stabil hält, hält mehr Menschen im Land als jede Senkung um zwei Prozentpunkte.
Für dich persönlich lautet die Botschaft: Ein Wegzug ist ein Projekt mit Vorlaufzeit von zwölf bis vierundzwanzig Monaten, kein Umzug. Die Reihenfolge aus Bestandsaufnahme, Zielland, Struktur und Umsetzung ist dabei wichtiger als das Zielland selbst. Wenn du deine Ausgangslage prüfen lassen willst, ist ein strukturiertes Erstgespräch der sinnvollste erste Schritt.
