In Vietnam liegt die Antwort auf die Homeschooling-Frage genau zwischen den beiden Extremen, die man sonst hört. Das Bildungsgesetz Nr. 43/2019/QH14 kennt eine Schulpflicht und erkennt Hausunterricht nicht als Erfüllungsform an, verbietet ihn aber auch nicht ausdrücklich. Daraus ergibt sich eine Grauzone, in der viele ausländische Familien leben, ohne dass jemand nachfragt. Wer sie nutzen will, sollte wissen, wo sie endet.

Die Rechtslage in Vietnam

Das Bildungsgesetz Nr. 43/2019/QH14 wurde am 14. Juni 2019 verabschiedet und trat am 1. Juli 2020 in Kraft. Sein Artikel 14 regelt Universalisierung und Pflichtbildung. Er verpflichtet Bürger in den festgelegten Altersgruppen zum Lernen und nimmt Eltern und Erziehungsberechtigte in die Pflicht, die Bedingungen dafür zu schaffen. Die Grundschulbildung ist ausdrücklich Pflichtbildung, die Untersekundarstufe ist Gegenstand der Universalisierung, wird aber schrittweise ausgebaut.

Die Struktur ist übersichtlich: fünf Jahre Grundschule ab dem sechsten Lebensjahr, vier Jahre Untersekundarstufe ab elf, drei Jahre Obersekundarstufe ab fünfzehn. Rund siebenundneunzig Prozent der allgemeinbildenden Schulen sind staatlich. Zuständig ist das Bildungs- und Ausbildungsministerium MOET, das Lehrpläne, Zulassungen, Prüfungen und Abschlüsse verantwortet.

Warum Homeschooling eine Grauzone ist

Die UNESCO-Länderanalyse zu nichtstaatlichen Bildungsakteuren in Vietnam formuliert es präzise: Das Bildungsgesetz legt fest, dass alle Bürger die Pflichtbildung abschließen müssen, es benennt Homeschooling aber nicht als verboten, und inoffizielle Quellen zeigen, dass Hausunterricht in Vietnam praktiziert wird. Es gibt kein Anmeldeverfahren, keine Aufsicht und keinen Weg, Lernleistungen aus dem Hausunterricht in das nationale System einzuspeisen. Wer die Grauzone nutzt, verzichtet damit auf vietnamesische Abschlüsse.

Gilt die Schulpflicht für Ausländer?

Artikel 14 spricht von Bürgern. Die Pflicht zielt damit auf vietnamesische Staatsangehörige, und Kinder ausländischer Familien mit befristetem Aufenthaltstitel werden in der Praxis nicht in das Pflichtsystem eingegliedert. Sie besuchen internationale Schulen oder werden zu Hause unterrichtet, ohne dass die lokale Verwaltung dafür ein Verfahren kennt. Diese Duldung ist der eigentliche Grund, warum Vietnam bei Auswandererfamilien beliebt ist, und sie ist stabiler als in Ländern, in denen die Schulpflicht ausdrücklich alle Kinder erfasst.

Internationale Schulen und ihre Regeln

Für ausländisch investierte Bildungseinrichtungen gilt das Dekret 86/2018/ND-CP, in Kraft seit dem 1. August 2018. Es hat den zulässigen Anteil vietnamesischer Schüler an solchen Schulen auf fünfzig Prozent angehoben, zuvor lagen die Quoten bei zehn Prozent in der Primarstufe und zwanzig Prozent in den Sekundarstufen. Das Dekret 125/2024, in Kraft seit dem 20. November 2024, ordnet die Regeln für inländisch getragene Einrichtungen neu. Für dich als ausländische Familie heißt das: Das Angebot internationaler Schulen ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen, besonders in Ho-Chi-Minh-Stadt, Hanoi und Da Nang.

Die Bandbreite reicht von reinen IB-Schulen über britische und amerikanische Programme bis zu bilingualen Modellen. Achte auf die Akkreditierung und darauf, zu welchen Abschlüssen die Schule tatsächlich führt, nicht nur auf die Bezeichnung im Namen.

Ein praktischer Hinweis zur Aufnahme: Viele internationale Schulen in Vietnam führen Aufnahmegespräche und Einstufungstests, und beliebte Jahrgänge sind früh ausgebucht. Melde dein Kind deshalb an, sobald der Umzugstermin steht, und nicht erst nach der Ankunft. Lass dir außerdem schriftlich bestätigen, welche Unterlagen für die Einschreibung nötig sind, denn beglaubigte Übersetzungen früherer Zeugnisse lassen sich aus Vietnam heraus nur mit erheblichem Aufwand nachholen.

Was sich 2025 und 2026 geändert hat

Vietnam hat die Schulgebühren an öffentlichen Schulen abgeschafft. Das Politbüro entschied das Ende Februar 2025, die Nationalversammlung verabschiedete im Juni 2025 die entsprechende Resolution, wirksam ab dem Schuljahr 2025/2026. Öffentliche Schulen sind seither von der Vorschule bis zur Obersekundarstufe gebührenfrei, für nichtöffentliche Einrichtungen gibt es eine anteilige Unterstützung. Das erhöht den Druck auf die Einschulungsquoten und zeigt, in welche Richtung sich das System bewegt: mehr Erfassung, nicht weniger.

Praktische Umsetzung für deine Familie

Die drei gängigen Modelle

  • Internationale Schule: teuer, aber rechtlich unproblematisch, mit klarem Abschlusspfad und sozialem Umfeld.
  • Akkreditierte Online-Schule plus lokale Aktivitäten: deutlich günstiger, verlangt aber Disziplin und ein zugelassenes Prüfungszentrum in der Region.
  • Freies Lernen ohne Abschlussplan: rechtlich unauffällig, aber ohne verwertbaren Nachweis am Ende.

Prüfungen und Abschlüsse

Vietnamesische Abschlüsse setzen den Besuch einer zugelassenen Schule voraus. Wer zu Hause unterrichtet, arbeitet deshalb auf internationale Prüfungen hin, in der Regel IGCSE und A-Level oder das International Baccalaureate. Prüfungszentren gibt es in den großen Städten, allerdings nehmen nicht alle externe Kandidaten an. Klär die Zulassung als externer Kandidat, bevor du dich für einen Anbieter entscheidest, und plane Anmeldefristen mit mehreren Monaten Vorlauf.

Aufenthalt und Alltag

Für den Aufenthalt brauchst du einen passenden Visums- oder Aufenthaltsstatus, häufig über Arbeit, Investment oder eine Temporary Residence Card. Aktuelle Hinweise zu Einreise und Sicherheit gibt das Auswärtige Amt zu Vietnam. Der Alltag ist für Familien vergleichsweise komfortabel: gute Internetverbindungen, bezahlbare medizinische Versorgung in den Ballungsräumen und eine große Community von Zugezogenen, die Lerngruppen und Freizeitangebote trägt.

Sprachlich läuft der Alltag mit Englisch in den Städten gut, Vietnamesisch erleichtert Behördenkontakte erheblich. Für Kinder ist der Spracherwerb ein Gewinn, sollte aber nicht mit dem Zielabschluss konkurrieren.

Praktisch spricht viel für die großen Städte. Ho-Chi-Minh-Stadt hat das breiteste Schulangebot und die größte Community, Hanoi punktet mit Behördennähe und kulturellem Angebot, Da Nang mit Lebensqualität und niedrigeren Kosten. In kleineren Städten wird beides dünner, dort ist eine Online-Schule mit gelegentlichen Reisen zum Prüfungszentrum die realistische Lösung. Prüfe vor dem Umzug, wie weit das nächste zugelassene Zentrum entfernt ist, denn diese Entfernung bestimmt später den Jahresrhythmus deiner Familie.

Kosten im Vergleich

  • Internationale Schulen in Ho-Chi-Minh-Stadt und Hanoi zählen zu den teuersten in Südostasien, mit deutlichen Unterschieden zwischen IB-Schulen und bilingualen Modellen.
  • Akkreditierte Online-Schulen liegen erheblich darunter, verlangen aber Betreuungszeit zu Hause.
  • Prüfungsgebühren fallen pro Fach an, dazu kommen Anmeldegebühren des Prüfungszentrums.
  • Nachhilfe und Sprachkurse für Vietnamesisch oder Englisch sind ein fester Nebenposten.

Die Lebenshaltungskosten sind im Vergleich zum deutschsprachigen Raum niedrig, was den Spielraum für Bildungsausgaben vergrößert. Genau das macht Vietnam für Familien attraktiv: Ein Elternteil kann die Lernbegleitung übernehmen, ohne dass der Haushalt sofort in Schieflage gerät.

Der Vergleich mit den Heimatländern

Deutschland genehmigt Hausunterricht nur in engen Ausnahmen. Österreich kennt den anzeigepflichtigen Privatunterricht mit jährlicher Externistenprüfung. In der Schweiz entscheidet der Kanton. Vietnam bietet ausländischen Familien faktisch mehr Spielraum als alle drei, allerdings ohne die Rechtssicherheit, die das österreichische Modell mit seiner klaren Prüfungsordnung liefert. Du tauschst also formale Absicherung gegen praktische Freiheit, und diesen Tausch solltest du bewusst machen.

Risiken, die du im Blick behalten solltest

Eine Grauzone ist kein Rechtsanspruch. Ändert Vietnam die Erfassung von Kindern mit Aufenthaltstitel, kann sich die Praxis verschieben, und ein Kind ohne Einschreibung steht dann ohne Nachweise da. Das zweite Risiko liegt beim Aufenthaltsstatus: Manche Visakategorien setzen einen Arbeitgeber voraus, und ein Wechsel kann Fristen auslösen. Das dritte Risiko ist hausgemacht, nämlich der Verzicht auf einen klaren Abschlussplan.

Wer den Umzug plant, sollte den steuerlichen Teil parallel klären, denn Wohnsitzaufgabe und Aufenthaltstitel greifen ineinander. Den Einstieg dazu findest du im Beratungsgespräch.

Dein Fahrplan für Vietnam

Vietnam ist eines der wenigen Länder Asiens, in denen Hausunterricht für ausländische Familien tatsächlich funktioniert, und zwar nicht wegen einer Erlaubnis, sondern wegen einer stabilen Duldung. Kombiniere diese Freiheit mit einer akkreditierten Schule oder Online-Schule und einem festen internationalen Abschlussziel, dann hast du beides: den flexiblen Alltag, den du suchst, und ein Zeugnis, das später überall trägt. Wer die Grauzone dagegen als Dauerlösung ohne Plan behandelt, verschiebt das Problem nur auf den Moment, in dem sein Kind achtzehn wird.