Versicherungen in Vietnam folgen einer einfachen, aber harten Logik: Was du nicht selbst organisierst, existiert nicht. Mit der Abmeldung in Deutschland, Österreich oder der Schweiz endet dein gewohnter gesetzlicher Schutz, und Vietnam nimmt dich nur dann in sein staatliches System auf, wenn du einen lokalen Arbeitsvertrag hast. Rentner, digitale Nomaden und Selbstständige müssen ihren kompletten Schutz privat aufbauen. Dieser Leitfaden zeigt dir für August 2026, welche Beiträge Pflicht sind, was Behandlungen tatsächlich kosten und welche Policen du wirklich brauchst.

Das Gesundheitssystem: zwei Welten nebeneinander

Die staatlichen Krankenhäuser Vietnams sind fachlich oft besser als ihr Ruf, aber chronisch überfüllt, und außerhalb der Metropolen spricht kaum jemand Englisch. Eine Konsultation beim Allgemeinarzt kostet dort umgerechnet 2 bis 16 Euro, ein Facharzttermin selten mehr als 25 Euro. Dafür wartest du unter Umständen Stunden, Privatsphäre ist knapp, und im stationären Fall teilst du dir das Zimmer mit vielen anderen Patienten. Für Bagatellen ist das System nutzbar, für ernste Diagnosen wählen praktisch alle Ausländer den privaten Sektor.

Internationale Kliniken: Vinmec, FV Hospital und Raffles

Parallel dazu ist in den letzten fünfzehn Jahren ein privater Sektor auf internationalem Niveau entstanden. Die Vinmec-Gruppe betreibt JCI-akkreditierte Krankenhäuser in Hanoi, Ho-Chi-Minh-Stadt und weiteren Städten, das französisch geprägte FV Hospital in Ho-Chi-Minh-Stadt gilt seit Jahren als erste Adresse für Expats, dazu kommen die Kliniken von Raffles Medical und Family Medical Practice in Hanoi, Ho-Chi-Minh-Stadt und Da Nang. Diese Häuser arbeiten mit englischsprachigem Personal und rechnen direkt mit den großen internationalen Versicherern ab. Außerhalb der Ballungsräume bleibt die Versorgung dagegen einfach; bei komplexen Eingriffen lassen sich viele Expats zusätzlich nach Thailand oder Singapur ausfliegen. Ein Evakuierungsbaustein in der Police ist deshalb kein Luxus, sondern Standard.

Mit Arbeitsvertrag: Sozialversicherung und staatliche Krankenkasse

Seit dem 1. Juli 2025 gilt das neue vietnamesische Sozialversicherungsgesetz von 2024. Hast du einen Arbeitsvertrag mit einem vietnamesischen Unternehmen über mindestens zwölf Monate und bist noch nicht im Rentenalter, bist du als Ausländer in der Sozialversicherung und der staatlichen Krankenversicherung pflichtversichert. Insgesamt fließen 30 Prozent des beitragspflichtigen Gehalts in das System: 20,5 Prozentpunkte trägt der Arbeitgeber, 9,5 Prozentpunkte zahlst du selbst, davon 8 Prozent in die Rentenkasse und 1,5 Prozent in die staatliche Krankenversicherung. Die Arbeitslosenversicherung bleibt Ausländern verschlossen, deshalb liegt die Gesamtquote zwei Punkte unter der vietnamesischer Beschäftigter.

Ein Sozialversicherungsabkommen mit Deutschland gibt es nicht; Vietnam hat bislang nur mit Südkorea ein solches Abkommen geschlossen. Deine vietnamesischen Rentenbeiträge werden also nicht mit deutschen Ansprüchen verrechnet. Immerhin kannst du dir die angesparten Beiträge beim endgültigen Verlassen des Landes unter bestimmten Voraussetzungen als Einmalzahlung auszahlen lassen.

Die staatliche Versichertenkarte deckt Behandlungen in öffentlichen Einrichtungen ab. Für die internationalen Privatkliniken, in denen du dich im Ernstfall behandeln lassen willst, reicht sie nicht. Praktisch alle ausländischen Angestellten halten deshalb zusätzlich eine private Police, häufig über den Arbeitgeber als Gruppenvertrag.

Ohne Arbeitsvertrag: keine staatliche Kasse für dich

Lebst du ohne vietnamesischen Arbeitsvertrag im Land, hast du keinen Zugang zur staatlichen Krankenversicherung; die freiwillige Variante steht praktisch nur vietnamesischen Staatsbürgern offen. Das betrifft die Mehrheit der deutschsprachigen Residenten: Rentner, die ihren Ruhestand in Vietnam verbringen, digitale Nomaden in Da Nang, deren Alltag und Kosten der Vietnam-Guide von BeyondBorders ausführlich beschreibt, sowie Unternehmer mit Investorenaufenthalt. Ohne private Police zahlst du jede Rechnung aus eigener Tasche, und die kann in einer internationalen Klinik schnell fünfstellig werden.

Internationale Krankenversicherung: Kosten, Prämien, Auswahl

Was Behandlungen kosten

Zur Einordnung ein Blick auf reale Preise. Eine Nacht im internationalen Krankenhaus kostet 6 bis 20 Millionen Dong, also rund 200 bis 650 Euro; ein längerer stationärer Aufenthalt überschreitet schnell 50 Millionen Dong. Eine Blinddarmoperation liegt zwischen 30 und 120 Millionen Dong, umgerechnet etwa 1.000 bis 4.000 Euro. Ambulant zahlst du beim Allgemeinarzt einer internationalen Klinik 2 bis 4 Millionen Dong pro Termin, also 65 bis 130 Euro, und ein MRT kostet dort bis zu 20 Millionen Dong. Verglichen mit Europa oder Singapur ist das moderat, ohne Versicherung summiert es sich trotzdem schnell.

Was Policen kosten

Internationale Expat-Tarife starten je nach Alter, Selbstbehalt und Leistungsumfang bei rund 50 US-Dollar im Monat und reichen bis 400 US-Dollar und mehr. Regional auf Asien begrenzte Pläne kosten grob 600 bis 1.200 US-Dollar im Jahr, weltweite Premiumtarife beginnen bei etwa 1.500 US-Dollar jährlich. Das Alter schlägt massiv durch: 60-Jährige zahlen für identische Leistungen oft das Zwei- bis Dreifache eines 35-Jährigen. Achte bei der Auswahl auf Direktabrechnung mit Vinmec, FV Hospital und Family Medical Practice, auf einen Baustein für medizinische Evakuierung nach Bangkok oder Singapur, auf den Umgang mit Vorerkrankungen und darauf, ob der Tarif auch im Alter kalkulierbar bleibt. Ambulante Bausteine und Zahnschutz treiben die Prämie spürbar; bei den niedrigen Behandlungskosten kannst du kleinere Rechnungen auch bewusst selbst tragen und nur die großen Risiken versichern.

GKV-Abmeldung, Anwartschaft und der Weg zurück

Mit dem dauerhaften Wegzug endet deine Mitgliedschaft in der gesetzlichen Krankenversicherung; die Abmeldebescheinigung dient der Kasse als Nachweis. Bevor du kündigst, kläre den Rückweg: Mit einer Anwartschaftsversicherung hältst du dir gegen einen reduzierten Beitrag die Rückkehr in deine Kasse beziehungsweise deinen alten PKV-Tarif ohne neue Gesundheitsprüfung offen. Kehrst du ohne Anwartschaft zurück, greift für zuletzt gesetzlich Versicherte die Auffangpflichtversicherung nach § 5 Abs. 1 Nr. 13 SGB V; ehemals privat Versicherte riskieren dagegen teure Rückkehrtarife und neue Gesundheitsfragen. Wer nur einige Jahre in Vietnam plant, fährt mit Anwartschaft fast immer besser. Für gesetzlich versicherte Rentner gelten Sonderregeln, die du vor dem Wegzug mit Kasse und Rentenversicherung klären solltest.

Kfz-Haftpflicht und weitere Pflichten im Alltag

Vietnam fährt Motorrad, und dafür gilt eine echte Pflicht: Das Dekret 67/2023/ND-CP schreibt für alle Kraftfahrzeuge, Motorräder eingeschlossen, eine Kfz-Haftpflichtversicherung vor. Die gesetzlichen Deckungssummen sind allerdings niedrig: 150 Millionen Dong je Person bei Personenschäden, also nur rund 5.000 Euro, dazu 50 Millionen Dong für Sachschäden beim Motorrad und 100 Millionen beim Auto. Die Pflichtpolice fürs Motorrad kostet rund 60.000 Dong im Jahr, kaum mehr als 2 Euro. Für einen ernsthaften Unfall reichen diese Summen nicht ansatzweise; eine private Haftpflicht mit höheren Deckungssummen und eine Unfallversicherung sind dringend zu empfehlen.

Noch wichtiger: Fahre nie ohne gültige Fahrerlaubnis für die jeweilige Klasse. Der deutsche Führerschein allein genügt nicht, du brauchst eine Umschreibung in Vietnam. Viele internationale Krankenversicherer kürzen oder verweigern Leistungen nach Motorradunfällen, wenn keine gültige Lizenz vorlag, und Verkehrsunfälle gehören zu den häufigsten Ursachen schwerer Verletzungen bei Ausländern. Sinnvolle Ergänzungen für den Alltag sind eine internationale Privathaftpflicht und, je nach Wohnsituation, eine Hausratpolice; beides ist in Vietnam nicht vorgeschrieben, aber günstig zu bekommen.

Visa-Lage: was aktuell gilt

Als Deutscher reist du seit März 2025 bis zu 45 Tage visumfrei ein; die Regelung ist bis März 2028 befristet. Österreicher und Schweizer nutzen das E-Visum, das inzwischen für alle Nationalitäten 90 Tage mit mehrfacher Einreise erlaubt und seit Dezember 2025 an 83 Grenzübergängen akzeptiert wird. Ein Rentenvisum kennt Vietnam weiterhin nicht; langfristige Aufenthaltstitel laufen über Arbeitserlaubnis, Investition oder Familie. Seit dem 1. Juli 2026 gibt es zusätzlich die Talentvisa UĐ1 und UĐ2 für Fachkräfte der Digitalwirtschaft und ihre Familien mit bis zu fünf Jahren Laufzeit; das vieldiskutierte Golden Visa mit bis zu zehn Jahren Gültigkeit ist dagegen weiterhin nur ein Entwurf. Aktuelle Einreise- und Sicherheitshinweise findest du in den Reise- und Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amts und bei der Deutschen Botschaft Hanoi; für Schweizer informiert das EDA.

Bevor du den Vertrag unterschreibst

Vietnam ist für Auswanderer ein günstiges, in den Städten gut versorgtes Land, solange du drei Dinge vor der Ausreise regelst:

  • Schließe die internationale Krankenversicherung ab, solange du gesund bist; Vorerkrankungen, die vor Vertragsbeginn bestehen, werden sonst dauerhaft ausgeschlossen.
  • Kläre Anwartschaft und Abmeldung mit deiner Kasse, bevor du kündigst, nicht danach.
  • Rechne bei einem lokalen Arbeitsvertrag die eigenen Sozialabgaben von 9,5 Prozent in dein Nettogehalt ein und prüfe, welche Gruppenversicherung der Arbeitgeber tatsächlich stellt.

Denk auch an die steuerliche Seite: Wie Vietnam Einkommen besteuert und wann du dort steuerpflichtig wirst, fasst der Steueratlas zusammen. Wenn du Wegzug, Steuern und Versicherungen aus einem Guss planen willst, buch dir ein Beratungsgespräch; so vermeidest du die typischen Fehler zwischen Abmeldung, Anwartschaft und erstem Arbeitstag in Hanoi.